
Android steht für Offenheit, für die Möglichkeit fast alles mit seinem Gerät machen zu können. Und es steht natürlich auch dafür, dass App-Entwickler viele Freiheiten haben - mit allen Vor- und Nachteilen. Google, als Betreiber des offiziellen Android Markets prüft keine Apps bevor sie online gestellt werden. Dadurch konnte auch schon einige bösartigen Apps den Weg in den Market finden. Auf der anderen Seite macht das Unternehmen aus dem kalifornischen Mountain View Entwicklern auch keine Vorschriften zu welchem Preis sie ihre Apps zu verkaufen haben. Es werden auch dem User an sich keine Steine in den Weg gelegt: ein Android-Nutzer kann Apps selbstständig auf seinem Gerät installieren; gekaufte Apps können auch sehr einfach auf anderen Android Devices installiert werden.
Apple - paradisiesische Umsätze durch harte Regeln
Bei Apple lässt man solche Freiheiten nicht zu. Hier werden sowohl die Entwickler, als auch die Nutzer selbst in Schranken gewiesen. Das Unternehmen mit dem angebissenen Apfel kontrolliert so komplett das eigene Ecosystem. Es ist genau festgelegt wie eine App auszusehen hat, es gibt feste Preisstaffeln für die verkauften Apps, ein Nutzer muss sich über iTunes registrieren um überhaupt ein iPhone nutzen zu können...
Unterschiedlicher könnten die beiden Strategien gar nicht sein. Während Android sich rasend - gerade wegen seiner Offenheit - verbreitet, kann Apple durch die harte Kontrolle riesige Umsätze und Gewinne einfahren. Es gibt beim iPhone-Betriebssystem iOS kein Weg an Steve Jobs vorbei. An jedem Umsatz der auf der Apple-Plattform getätigt wird, verdient das Unternehmen mit.
"Die Mauer muss weg" - oder warum die Freiheit in Gefahr ist
Die hohen Gewinne durch das Verkaufen von Apps wecken natürlich Begehrlichkeiten. Es sind aber noch andere Tatsachen, die Android ein wenig "Apple" werden lassen. Meine These ist, dass es der Content ist, mit dem man dauerhaft Kunden an sich bindet. Allerdings nur dann, wenn man dafür sorgt, dass sogenannte "walled gardens" entstehen. Von einem "walled garden" - also einem eingezäunten Garten - spricht man dann, wenn ein Ecosystem komplett abgeschirmt ist. Das ist eben bei Apple so. Aber auch bei Vodafone im 360-, oder bei Microsoft im neuen Phone 7-Store. Kauft man dort eine App oder anderen Content ein, kann man letztlich nur über genau dieses Ecosystem diesen Content nutzen.
Dies produziert "Switching Costs" - also Kosten, die dann entstehen, wenn ich von einem Ecosystem zum anderen wechseln will. Habe ich beispielsweise für 100 Euro Apps bei Apple gekauft, müsste ich wieder in etwa dieses Geld in einem anderen Ecoystem investieren um die selbe Software parat zu machen. Kunden werden also immer tröger in andere Ecosysteme zu wechseln.
Bei Android, als offenes Betriebssystem, gab es solche "walled gardens" bisher nicht. Natürlich konnte man keine Android Apps bei Apple laufen lassen. Aber es war egal ob man eine App mit einem Android HTC-, Samsung- oder LG-Device gekauft hat. Einmal gekauft, lief eine Android App quasi überall, solange man sie natürlich wieder über die eingekaufte Quelle neu geladen hat. Für Kunden von Hardware ist das natürlich der Optimalzustand. Auf diese Weise hatte man den höchsten Grad von Freiheit.
Warum schreibe ich hier in der Vergangenheit? Weil sich immer mehr abzeichnet, dass das Paradies - wenn man das so pathetisch sagen darf - durch den Biss in den Apfel in Gefahr gerät.
Amazon baut den ultimativen Android Walled Garden
Wenn es ein Internetunternehmen gibt, das etwas von eCommerce versteht, ist es amazon. Und ich bin mir sicher: der App Store - sofern er sich so nennen darf - wird ein voller Erfolg werden. Und das, obwohl amazon knallhart zu Entwicklern und auch zu seinen Kunden ist. Entwickler haben beispielsweise keinen Einfluss darauf zu welchem Preis ihre App tatsächlich verkauft wird. amazon kann vom normalen Preis im Android Market bis zu 50% Abschlag vornehmen ohne sich vorher die Erlaubnis vom Entwickler einholen zu müssen.
Kunden werden ebenfalls von einigen Features des amazon Appstores wenig begeistert sein. Heise.de hat beispielsweise kürzlich einen Test des Appstores durchgeführt und dabei herausgefunden, dass amazon alle App-Käufe knallhart an sich bindet. Im konkreten Fall war es so, dass Apps sich nicht mehr starten ließen, als man den amazon-Account deaktiviert hatte. Die über amazon gekauften Apps werden über ein eigenes DRM-System geschützt. Hierbei generiert laut Heise.de amazon einen Token, der periodisch mit den amazon-Servern kommuniziert. So kann verhindert werden, dass die App nicht illegal auf dem Telefon installiert wurde. Wenn man allerdings längere Zeit nicht online war - im Urlaub beispielsweise - wird man eine App nicht mehr verwenden können.
amazon versucht damit eine enge "Kundenbindung" zu erreichen. Das geht soweit, dass amazon Kunden sogar fragt, ob man bereits anderweitig gekaufte Apps mit dem amazon-Account verbinden möchte. Bejaht man die scheinbar harmlos wirkende Frage ("Diese Applikation ist auf ihrem Gerät bereits installiert, aber nicht mit ihrem Amazon-Account verbunden. Soll sie gelöscht und durch die Amazon-Version ersetzt werden?"), ist man unweigerlich auch bei dieser App mit dem eCommerce-Riesen "verheiratet".
Heute amazon, morgen HTC - und übermorgen?
Dieses aggressive Verhalten bei der Kundenbindung unter Android dürfte nicht lange folgenlos bleiben. Wie bereits gesagt: erfolgreich umgesetzte walled gardens sind echte Kundenbindungsgaranten. Wer würde denn schon zukünftig nicht wenigstens im Android Store von amazon stöbern, wenn es bereits jede Menge Apps gibt, die man sich irgendwann dort zugelegt hat? Immerhin wäre das ganze eingesetzte Geld verloren, würde man amazon den Rücken zudrehen.
Digitaler Content bei Smartphones - also eBooks, Musik, Apps/Games und Filme - sind also echte Zugpferde. Das erkennen auch immer mehr die Hardwarehersteller. HTC beispielsweise macht sich auch immer mehr daran Zukäufe im digitalen Bereich zu tätigen. Hinzu kommt, dass HTC auch immer mehr dazu übergeht Apps auf die hauseigene Sense-Oberfläche zu portieren. Sprich: kauft man im HTC-Store eine angepasste App, ist man ebenfalls an den taiwanesischen Smartphone Hersteller gekoppelt. Und mit jedem Kauf wird das ein bißchen mehr...
Es ist also sicherlich eine Frage der Zeit bis Telekommunikationsunternehmen und auch Hardwarehersteller auf diesen Zug aufspringen. Das Handeln mit Apps ist schließlich nicht nur ertragreich - es könnte sogar überlebenswichtig sein.
Will Google wieder die Kontrolle über den Content erlangen - und... gerät deshalb alles außer Kontrolle?
Die Frage ist, wie Google mit dieser Tatsache umgeht. Walled gardens können an sich nicht im Interesse von Google sein. Immerhin würde auch Google einen erheblichen Einfluss verlieren was eigentlich alles mit ihrem Betriebssystem passiert. Außerdem will man sich sicherlich dauerhaft auch nicht die Butter vom Content-Brot nehmen lassen. Es ist also gut möglich, dass Google alleine schon deshalb den Sourcecode von Android 3.0 zurückhält und man auch heute lesen konnte, dass Google bestrebt ist wieder mehr Kontrolle über das beinahe außer Kontrolle geratene Android zu erlangen.
Zu welchem Preis aber geschieht dies? Es ist ein sehr schmaler Grad, den Google hier gehen kann. Android ist nur aus einem Grunde derzeit so erfolgreich: es ist Open Source, die Hardwarehersteller können es kostenlos verwenden und auf ihre Bedürfnisse anpassen.
Hand auf's Herz: wieviele wissen von Euch wieviel Megapixel ihre Cam hat oder welche Geschwindigkeit ihre CPU hat
Mit Hardware lässt es sich kaum mehr differenzieren. Klar, es gibt einige Hardwareausnahmen, wie jetzt das XPERIA Play, das ganz bestimmte Käuferschichten anspricht. Aber in Wahrheit kann man heute mit Hardware die Masse nicht mehr erreichen. Vor einiger Zeit reichte es noch zu schreiben "...mit toller 2 Megapixel-Kamera...". Heute ist das den meisten Menschen herzlich egal. Wichtig ist, dass man Bilder machen kann. Das aber bietet schließlich quasi jedes Telefon!
Die Hardwarehersteller stecken also in einem tiefen Dilemma, wenn sie nicht eigene Oberflächen, wie Sense & Co. anbieten können. Denn nur so können sie sich von der Konkurrenz differenzieren. Würde jeder die normale Android Oberfläche auf dem Telefon haben, wäre man als Telefonhersteller schlicht austauschbar. Das mag aus Kundensicht toll sein. Für die Hardwarehersteller wäre es eine Katastrophe. Würde so etwas tatsächlich von Google zukünftig gefordert werden - was ich nicht glaube - es wäre fatal für Android! Hersteller müssten sich schleunigst auf eigene Betriebssysteme konzentrieren, um hier nicht in Preisschlachten verwickelt zu werden. Denn das wäre unweigerlich die Folge daraus: es ginge nur noch darum, wer mir das Telefon mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis bei der Hardware baut. Das wiederum ist ein nicht kalkulierbares Risiko für die Unternehmen...
Android braucht vielleicht leichte Kontrolle - aber vor allem absolute Offenheit
Wie gesagt: ich kann mir nicht vorstellen, dass Google tatsächlich einen so harten Schritt plant. Aber dennoch sollten alle Befürworter der neuen Google-Kontrolle überlegen was das am Ende des Tages bedeuten könnte: das Abwenden der eigenen Strategie, der Verlust der großen Innovationstreiber und den Verlust der großen Supporter wie HTC, Samsung & Co.
Wäre das der Fall: was wäre dann aus Android geworden?
Wie auch immer: ich sehe gerade die oben beschriebenen Entwicklungen mit einer gewissen Sorge. Sowohl die neuen "walled gardens", als auch die Überlegungen restriktiver mit Partnern umzugehen. Es sei mir von daher erlaubt nochmal meinen weiter oben erwähnten Pathos auszukramen und - ganz in Berliner Manier und mit Augenzwinkern - zu sagen:
"Die Mauer muss weg!"

Markus Oberender
Ist denn HTC Sense oder Touchwiz wirklich so ein großes Verkaufsargument? Vielleicht war es früher so, als Andoid noch nicht so weit entwickelt war und die Oberfläche der Hersteller wichtige Erweiterungen und Vorteile bot. Aber mittlerweile sind doch auch die Oberflächen ziemlich austauschbar. Eine echte Differnezierung hat man derzeit Imo nur noch beim HTC Scribe, das mit dem Stift einige Zusatzfunktionen bietet, die andere nicht bieten.
Amazon Appstore habe ich mit Absicht bisher noch nicht geladen (keine Ahnung, ob es in D verfügbar ist). Denn die Sache mit den die Arbeit verweigernden Apps, wenn man längere Zeit mal nicht online war, hat mich total abgeschreckt. So etwas finde ich total unattraktiv. Dann warte ich eben, bis es eine App im Android Market gibt. Im Übrigen muss man sich beim Kauf digitaler Inhalte mit DRM sowieso im Klaren sein, dass man sie nicht ewig nutzen können wird. Das hat schon mehr den Charakter eines Mietvertrags.