
Fragmentierung - ein böses Wort! Immerhin verbinden gerade Android-User damit schlechte Erfahrungen. Zumindest wird die Fragmentierung im Android Markt immer wieder für Themen, wie zähe oder ausbleibende Update-Politik verantwortlich gemacht. Und dann gibt es natürlich auch noch die sich immer weiter fragmentierende App Store-Landschaft, die dazu führt, dass Leute zukünftig Apps an verschiedenen Orten kaufen (müssen), anstatt alles an einem Ort zu haben.
Die Fragmentierung stellt in gewissen Maßen auch eine Gefahr für Android dar. Wenn man sich heute den PC-Markt ansieht, kann man feststellen zu was Fragmentierung fähig ist. Entwickler haben es bei der Erstellung von Software sehr viel schwerer als beispielsweise iPhone-Entwickler, die genau wissen auf welche Hardware sie sich konzentrieren müssen. Ironischerweise hat das Microsoft auch erkannt und stellt für sein neues Betriebssystem "Windows Mobile 7" knallharte Bedinungen an die Hardware. Anpassungen der Oberfläche sind nicht möglich.
Nun soll Gingerbread, die neue Version von Android, alles richten und ins Lot bringen. Google verpasst dem Android User Interface angeblich einen ganz neuen Anstrich, in der Hoffnung, dass Hersteller auf eigene Anpassungen zukünftig verzichten. So soll (wahrscheinlich) die voranschreitende Fragmentierung eingedämmt, oder gar vermieden werden.
Ein guter Plan! Nur aus meiner Sicht zu spät. Denn Hardwarehersteller und Telcos brauchen eine Fragmentierung. Dringend! Ich habe drei Thesen zu diesem Thema aufgestellt. Ich bin mir sicher, dass einige Leser laut aufschreien werden. Immerhin ist das alles Andere als die Sicht der User. Ich versuche die Position der Anbieter einzunehmen, die immerhin für die Produkte, die wir dann kaufen, verantwortlich sind. Das bedeutet nicht, dass ich diese Thesen selber für gut heiße, oder unterstütze. Ich behaupte einfach nur, dass es eben so ist und dass es so kommen wird/kommen könnte.
Hier meine drei Thesen:
1. Ein gelerntes User Interface schafft Kundenbindung - und schützt!
Eigentlich wäre es sehr viel praktischer auf das Standard-Android Interface zu setzen: es ist schon da, bekommt Android ein Update werden die Telefone ebenfalls ohne Wartezeit versorgt und die Anwender können ohne Probleme ein neues Telefon bedienen, da sie die Handhabung ja bereits kennen. Trotzdem setzen Hardwarehersteller - und sogar Telcos - verstärkt auf eigene Oberflächen. Und das wird nicht nur so bleiben - es wird sich sogar noch verstärken.
Hardwarehersteller sind beim Vertrieb nicht selten auf die Telcos angewiesen, die mit Subventionen die Kaufentscheidungen ihrer Kunden beeinflussen. Es scheint zwar ein Trend zu sein, dass es immer weniger Tarife gibt, in denen auch Telefone beinhaltet sind. Dennoch ist es so, dass ein Gros des Vertriebserfolgs der Hersteller auf diese Strategie fußt: Vertrieb über die Telcos!
Es kommt noch ein Problem hinzu: die Unterschiede in der Hardware werden immer marginaler. Man kann schlicht nicht mehr zwingend mit einer besseren Cam oder einem schnelleren Prozessor punkten. Es kommt auf das Gesamtpaket an. Das User Interface spielt dabei eine ganz zentrale Rolle. Über Design kann man sich hervorragend von der Konkurrenz abheben. Das Hardware-Design spielt sicherlich eine wichtige Rolle. Das User Interface dürfte aber noch wichtiger sein. Je einfacher ein User Interface viele Funktionen vereint, desto mehr werden die Kunden es auch verwenden. Und umso schwerer fällt ihnen dann ein Wechsel zu anderen Anbietern.
Ein Unternehmen, das dies bereits sehr gut umsetzt, ist HTC. Die Sense-Oberfläche begeistert viele Leute. Und nicht wenige Kunden würden sich genau weil sie die einfache Handhabung des Interface schätzen und lieben gelernt haben, genau wieder ein HTC-Gerät kaufen. Nun verstärkt HTC seine Anstrengungen in Sachen eigenem User Interface noch weiter. Erst kürzlich wurde HTC Sense.com vorgestellt. Mit diesem neuen Service können Nutzer nun ihr Telefon über eine Webseite steuern. Und was noch viel besser ist: ihr User Interface direkt in der Cloud abspeichern, damit ein Telefonwechsel noch leichter fällt. Ein Wechsel von HTC zu HTC natürlich... Denn ein HTC-Sense.com Kunde muss sich in Zukunft nur noch bei einem neuen HTC-Telefon anmelden - und schon ist wieder alles genauso eingestellt wie es vorher war.
Der Konkurrenz dürfte das nur wenig gefallen. Dass diese Kundenbindungsstrategie nämlich sehr erfolgreich ist, macht Apple bei seinem iPhone vor. Über iTunes werden iPhone-Wechsel denkbar einfach. Nach einer Synchronisation sieht das neue iPhone wieder genauso aus wie das Alte. Zumindest was die Oberfläche, die Einstellungen, die SMS, usw. anbelangt. Aufgrund dieser Einfachheit wird es iPhone-Nutzern sehr schwer gemacht auf ein anderes Telefon zu setzen. Die Zeit, die ein Wechsel kostet, schreckt viele Kunden ab. Man spricht hier auch von "Switching Costs". In diesem Falle also die Zeit sich mit einem neuen Gerät, seinen Einstellung und der Portierung der Daten auseinander zu setzen. Nimmt man also diese Erfahrungen und die Tatsache, dass HTC im Android-Markt nun eine ähnliche Strategie verfolgt, kann man davon ausgehen, dass bald weitere Unternehmen bei Android nachziehen werden. Sie können es sich nicht leisten sich nur über die Hardware zu differenzieren. Es wäre wahrscheinlich sogar für einige Unternehmen existenzbedrohend...
Wir werden uns also daran gewöhnen müssen, dass es eigene Oberflächen geben wird. Und man sollte dem ganzen auch etwas Gutes abgewinnen: nur Konkurrenz fördert Innovationen! Würde es lediglich die Android Oberfläche geben, würden wir bald in Sachen "User Interface" kaum mehr Innovationen erwarten dürfen.
2. Erst der Content macht Smartphones smart!
Warum sind Smartphones eigentlich Smartphones. Ich denke, nahezu jeder hätte eine andere Antwort darauf. Für mich sind es nicht per se schlaue Telefone! Nur weil mir das Telefon dabei hilft einen Weg zu finden, würde ich noch nicht behaupten wollen, dass es total smart ist. Das konnten Routenplaner vorher auch schon. Eigentlich sind es aber doch Apps, die Dein Telefon wirklich schlau machen. "Es gibt für alles eine App!". Dies ist tatsächlich so. Und aufgrund dieser Tatsache kann sich jeder für wenig Geld sein Telefon so personalisieren, dass das Gerät alle Problemstellungen lösen kann. Du reist gerne und viel? Kein Problem! Zugverbindungen, Flüge, Übersetzer können im Nullkommanix auf Dein Telefon geladen werden. Du bist Fussballfan? Auch hier findest Du für (fast) jedes Problem eine App.
Die Nuancen bei einer App sind aber oft entscheidend. Es ist wichtig eine Auswahl mehrerer Apps pro Problem zu haben. Nur dann findet man auch das Richtige für einen selbst. Es ist ja auch nicht so, dass Apps erst seit drei Jahren auf dem Markt sind. Diese gab es auch schon vorher. Nur sah der Markt noch anders aus. Man konnte sich Programme für das Telefon bei irgendwelchen WAP-Portalen der Telcos kaufen. Es gab sehr wenig Auswahl für sehr viel höhere Verkaufspreise. Diese Programme/Apps wurden von einer handvoll Hersteller gebaut. Entsprechend leicht war es für die Telcos Verträge mit allen wichtigen Anbietern zu haben. Alles war sehr übersichtlich.
Das hat sich gründlich gewandelt. Heute werden Apps nicht mehr von großen Softwarehäusern geschrieben. Es sind auch nicht mehr 5-10 Unternehmen, die 80% des Markts abdecken. Heute wird die Smartphone-Software von zigtausend Entwicklern geschrieben. Oft sind es ein oder zwei Mann/Frau-Unternehmen, die Hersteller sind. Für Telcos und Hardwarehersteller ist es nahezu unmöglich geworden an diese Entwickler ranzukommen. Dies ist aber zwingend notwendig! Immerhin möchte man heute ja Smart-, und keine Dumbphones kaufen. Hardware wird immer mehr danach ausgesucht ob es auch guten Content für das jeweilige Gerät gibt. Und das führt mich zur dritten These:
3. Wer den Content hat, der hat die Macht!
Denn ohne Content, keine oder schlechte Verkäufe von Hardware. Man sieht es ja schon jetzt an den Diskussionen bei den Tablets: "Waas? Da ist kein Google Market drauf?". Es wird erwartet, dass man auf diese Apps zugreifen kann. Bei Tablets ist dies aber derzeit nicht möglich, da Google strenge Richtlinien dafür hat. Und Tablets können diese derzeit nicht erfüllen. Einzig das Samsung Galaxy Tab liefert sein Tablet mit einem Google Market aus. Dies ist deshalb möglich, da Samsung eine Telefonfunktion in sein Gerät eingebaut hat.
Keinen Content zu haben ist schon heute ein klarer Wettbewerbsnachteil. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass es derzeit nur zwei echte Content-Anbieter im Smartphone-Markt gibt: Apple und Google! Apple packt seinen Store nur auf die eigene Hardware. Von daher ist der iPhone-Store keine Option für Hardware-Hersteller. Google gibt seinen Store nur unter gewissen Voraussetzungen heraus. Es ist aber grundsätzlich mehr oder weniger einfach mit Google überein zu kommen.
Die Frage ist nur: was hat es auf Dauer für Konsequenzen für Telcos und Hardware-Hersteller KEINEN EIGENEN Store zu haben? Die Manager der jeweiligen Firmen werden sich wohl in etwa solche Fragen stellen:
- Was, wenn Google von heute auf morgen sagt, dass nur noch bestimmte Hardware-Hersteller den Google Market bekommen?
- Was, wenn die Qualität der Apps, inkl. Schädlinge im Market weiter zunimmt? Wirkt sich das dann auf meine Marke aus?
- Was, wenn meine Konkurrenten Apps auf meiner Hardware vertreiben, die eventuell Kunden von mir weglocken kann? (gerade bei Telcos relevant!)
- Was, wenn ich in einem Land bin, indem der Google Market nicht zur Verfügung steht?
- Wie kann ich meine Kunden besser mit Apps an mich binden?
- Und so weiter...
HTC geht hier schon wieder einen Schritt nach vorne! Ziemlich unbemerkt haben die Taiwanesen nämlich für die HTC Sense Oberfläche ein SDK (Software Developer Kit) herausgebracht. Damit können ausgewählte Entwickler ihre Apps speziell an die HTC Sense Oberfläche anpassen. Auf diese Weise können sowohl die grafischen Elemente der Sense-Oberfläche, aber auch die speziellen Services von HTC Sense.com genutzt werden. Ein ganz entscheidender Punkt wird aber wohl auch sein, dass man auf diese Weise ganz einfach einen Store mit den besten und wichtigsten Apps aufbauen kann - ganz ohne Schädlinge oder negativen Content. Und das ohne auf den normalen Google Market verzichten zu müssen.
Wie geht es weiter?
Aus meiner Sicht wird die Fragementierung also (massiv) zunehmen. Es ist die einzige Chance für Telcos und Hardwarehersteller hier noch mitmischen zu können. In ein oder zwei Jahren wäre es nicht mehr möglich. Und es geht dabei sicherlich nicht (nur) darum digitalen Content mit verkaufen zu können. Es geht dabei um viel existenziellere Fragen. Denn wer den Content hat, der hat die Macht! Die Macht ganz aus den Händen zu geben bedeutet auch, dass man auf Gedeih und Verderb einem Anbieter ausgeliefert ist. Und das will man als Unternehmen ganz bestimmt nicht...

Ich hör immer Fragmentierung. Was ist das überhaupt?!