„Come one, come all“ schrieb das Android Market Team als der Market eröffnet wurde. Jede App wird freudig begrüßt und ist herzlich willkommen.
War der Market hier zu herzlich? Wollen wir wirklich jede App?
Laut Androlib gibt es bereits über 90.000 Apps im Market, darunter 1.000 Soundboards, 3.000 Apps die im wesentlichen „sexy Pics“ darstellen, und 6.500 Wallpaper. Da sollte doch für jeden etwas dabei sein. Dennoch häufen sich die Klagen über die App Qualität, die Market Qualität und die zunehmende Market Fragmentierung.
Warum sind nicht alle Market Teilnehmer glücklich und zufrieden? Der Autor macht sich auf die Suche nach der fehlenden Funktionalität.
Market Qualität
90.000 Apps von denen der Großteil kostenlos ist. Wo sollte sich der Android User da noch beschweren? Stören die vielen, immer gleichen Wallpaper Apps wirklich? Ist etwas schlimm an zu viel Auswahl? 191 Ergebnisse liefert der Market auf der Suche nach Sudoku; 170 Sudokus die Spielwarenabteilung von Amazon.de. Auf Amazon.de habe ich noch nie gesehen dass sich jemand über die vielen Sudokus beschwert hätte. Bei Android schon.
Der große Unterschied ist, dass ich bei Amazon.de ein viel schöneres Einkaufserlebnis habe. Amazon ist schön strukturiert, ich kann nach allem möglichen suchen und finde über die „anderen Käufern ihrer Produkte gefiel“ Funktion meist wesentlich mehr als ich gesucht habe - aber immer Sachen die mich interessieren.
Das Einkaufserlebnis im Market lässt da einiges zu wünschen übrig. Inzwischen wurde diese Lücke zum Teil von Drittanbietern wie AppBrain gefüllt. Google hat auf der letzten I/O Pläne verkündet selbst ein ähnlich verbessertes Nutzerinterface vorzustellen (Quelle). In diesem Bereich gibt es also Hoffnung.
Ist es aber wirklich nur die Präsentation der Apps im Market? Würde diese verbessert würden die 6.500 Wallpaper bei der Suche nicht mehr stören. Das macht die verbleibenden 84.500 Apps aber nicht besser.
Kostenlose- und Bezahl-Apps
Vergleicht man den Android Market mit den anderen App Markets, fällt der hohe Anteil kostenloser Apps auf. Während dieser beim iPhone bei unter einem Drittel liegt, ist im Android Market mehr als die Hälfte der Apps kostenlos (Quelle). Kein Wunder denke ich mir: Android ist Open Source und zieht damit idealistische Entwickler an die mit Ihren Apps unentgeltlich die Welt verbessern möchten.
Betrachtet man die kostenlosen Apps, wird schnell klar, dass deren Entwickler keineswegs nur Altruisten sind. Ein großer Teil der kostenlosen Apps hat Werbebanner eingebaut über deren Einnahmen sich die Entwickler durchaus am kommerziellen Wirtschaftsgeschehen beteiligen möchten.
Prinzipiell ist das nichts Schlechtes. Statt Geld für ein tolles Spiel auszugeben, erhalte ich es kostenlos und schaue dafür halt ein bisschen Werbung. So finanziert sich immerhin die gesamte Fernsehindustrie.
Wenn kostenlose, werbefinanzierte Spiele mehr einbringen als die Bezahlversionen, warum sind die Spielehersteller auf dem PC Markt noch nicht auf das gleiche Modell umgestiegen wundere ich mich ein bisschen. Dennoch suche ich voll Vorfreude im Android Market nach den neuesten 3D Spiele Highlights in kostenloser, werbe-finanzierter Version. Leider finde ich keine. Woran liegt das?
Wie viel kostet ein Spiel?
Auf Gaming Wikea erfahre ich mehr über die Kosten der Spielentwicklung. Ein Nintendo DS Spiel wird mit Produktionskosten von bis zu einer Million beziffert. Für PS2 und XBox werden 3 bis 5 Millionen Dollar pro Titel veranschlagt, PS3 und XBox 360 höher. Vielleicht lassen sich solche Summen doch nicht über Werbung finanzieren.
Aber umgekehrt, wenn sich kostenlose Versionen nicht rechnen, wieso gibt es die Spiele-Highlights dann nicht einfach als Bezahlversion im Market?
Electronic Arts besetzt auf der iPhone Hitparade 12 der Top 20 Plätze (Quelle). Auf Android haben sie noch keine 10 Apps veröffentlicht. Letzte Woche erschien Fifa 10. Laut Market Statistik wurde es seitdem weniger als 500 mal verkauft.
Wie groß ist der Android App Markt in Dollar, und wie groß der AppStore?
Apple hat im Juni diesen Jahres verkündet, man habe bisher insgesamt eine Milliarde US Dollar an Entwickler ausgeschüttet (Quelle). Larva Labs hat per Überschlag geschätzt wie viel der Android Market ausgeschüttet hat. Man kam auf 21 Millionen (Quelle). Mit den Zahlen oben reicht das für die Entwicklung von nicht mal zehn 3D Spielen.
21 Millionen sind 2,1% der Summe die es für iPhone Entwickler zu holen gibt. Das iPhone gibt es schon länger und ist weiter verbreitet, aber nicht um den Faktor 50. Da muss es noch andere Gründe geben.
Warum Gameloft dem Market fernbleibt
Gameloft stellt Spiele für Android her. Im Mai diesen Jahres hat Gameloft begonnen 10 dieser Spiele über die eigene Web-Seite zu vertreiben. Laut Vertriebschef um verschiedene Vertriebswege zu testen und den optimalen zu ermitteln. (Quelle). Zwei Monate später findet man die neuesten Gameloft Produkte ausschließlich auf der Gameloft Seite. Hat Gameloft den optimalen Vertriebsweg gefunden?
Ein Grund um den sich Gameloft offenbar sorgt sind Raubkopien. Der Android Market bietet da nur rudimentäre Vorkehrungen. Wenn man Wege findet gekaufte Apps zu kopieren, kann man das 24h Rückgaberecht dazu nutzen jede App herunter zu laden, offiziell zurückzugeben, und umsonst zu nutzen.
Einmal gekauft kann ich eine App auf beliebig viele Geräte herunter laden, sofern ich auf diesen mit meinem Google Account angemeldet bin.
Gameloft hat ein System entwickelt, das sicherstellen soll, dass verkaufte Apps nur auf genau einem Gerät installiert werden können. Offenbar fühlt man sich damit wohler. (Genauere Infos dazu gibt es hier).
Von der Schwierigkeit des Bezahlens
Ein weiterer Punkt über den sich Hersteller beschweren ist der Kauf-Vorgang an sich. Kunden lieben die Einfachheit. Je einfacher der Einkauf, desto mehr wird gekauft. Dem Einkauf im Market hat Google aber einige Stolpersteine in den Weg gelegt.
Im Market brauche ich für den Einkaufsbummel eine Kreditkarte und ein Google Check-Out Konto. Ich muss mich als Kunde mit Preisen in Fremdwährung, und als Entwickler mit Steuer-Richtlinien fremder Länder auseinander setzen. Preise können nicht landesspezifisch festgelegt werden, sondern nur global für alle Länder, und global in einer Währung. Obwohl es den Market in 46 Ländern gibt, kann man Apps nur in 13 Ländern kaufen, und nur von 12 Ländern aus verkaufen. Optionen wie Einkäufe innerhalb der App (In-App Purchases) oder Abo-Modelle lässt der Market ohnehin nicht zu (Eine von vielen Quellen)
Vodafone Holland berichtet von einer Umsatzsteigerung um 30%, nachdem man den Bezahlvorgang im hauseigenen Klingeltonshop von SMS Billing auf „Click to Pay“ umgestellt hat (Quelle). Man kann sich ausmalen was passiert wenn Google im Market von Checkout + Kreditkarte auf ein ähnliches Modell umstellen würde.
Warum macht das Market Team das nicht einfach?
Was will Google?
Der Android Market wird betrieben von Google. Google ist auch eine maßgeblich treibende Kraft bei der Entwicklung von Android. Warum?
Das Google Unternehmensprofil sagt: „Das Ziel von Google besteht darin, die auf der Welt vorhandenen Informationen zu organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar zu machen.“ Das ist löblich, nur warum braucht Google dazu ein Smartphone Betriebssystem (und warum ist Google bei seiner Wissensorganisation noch nicht auf den korrekten Gebrauch des Genitivs gestoßen)?
Ein Blick in die Übersicht der Google Geschäftsaktivitäten ist aufschlussreicher: „Die Verantwortlichen von Google erkannten, dass die anspruchsvolle Suchtechnologie und der große Besucherverkehr auf Google.com zwei entscheidende Möglichkeiten für eine gewinnträchtige Nutzung eröffneten: Suchdienste und Werbung durch Anzeigen.“
D.h. ein wesentliches Standbein Googles besteht darin, Anzeigenwerbeplätze zu vermitteln. Dafür braucht man natürlich eine Plattform auf der man Werbung schalten kann. Mit AdSense ist Google bei Internet-Werbung sehr erfolgreich. Berichte aus 2009 sprechen von einem Marktanteil bei Internetwerbung von 57%. Wikipedia sagt dass 2006 Googles Umsatz mit Werbung über 10 Milliarden Dollar betrug (Quelle). Zum Vergleich, Europas größter Betreiber von werbefinanziertem Privatfernsehen und Privatradio, RTL, mit immerhin 45 Fernsehsendern, verzeichnete im gleichen Jahr einen Umsatz von 5,6 Milliarden Euro (Quelle).
„We're waiting on Chrome to fully support resource blocking”
Diese Einkommensquelle gilt es zu schützen. Auf das Internet greift man über einen Web-Browser zu. Die Browserhersteller haben nicht notwendigerweise die gleichen Interessen wie Google. Also macht man sich unabhängig und entwickelt Chrome. Zum Stand der Ad-Blocker Entwicklung bei Chrome siehe hier.
Eine andere Gefahr für das Werbe-Modell sind geschlossene Systeme. Apple ist da sehr erfolgreich. Das iPhone Universum ist hermetisch abgeriegelt. Apple diktiert wer Apps veröffentlichen darf, und seit neuestem auch wer in iPhone Apps werben darf (Quelle). Hat Google das schon vor Jahren kommen sehen?
Mit der Entwicklung von Android hat Google zumindest einem drohenden iPhone Monopol eine Plattform entgegen gesetzt, von der niemand Google aussperren kann.
Warum ist der AppStore anders als der Market?
Apple verdient Geld in erster Linie mit dem Verkauf von Musik und von Hardware. Mit dem AppStore selbst macht Apple nach Schätzungen weniger als 1% seines Gewinns. (Quelle). Die iPhone Nutzer jedoch sind begeistert von der einfachen Erweiterbarkeit ihrer Smartphone Funktionen über Apps. Sollte Android keine Totgeburt sein, musste Google entsprechend nachziehen und ein ähnliches App-Market Modell entwickeln. Es kam der Android Market.
Den Schwerpunkt bei der Entwicklung des Markets hat Google entsprechend seines Geschäftsmodells gesetzt. Google verdient nicht an Hardware-Verkäufen. Google hat auch keine Erfahrung darin Software weltweit an Endkunden zu verkaufen. Google verdient Geld mit Werbung.
Entsprechend bietet der Market fast alles was man braucht, um kostenlose Apps mit Werbebannern vertreiben zu können. Was dazu an Funktionalität fehlt kommt mit den auf der I/O angekündigten Ergänzungen. Für Verbesserungen zum Verkauf bezahlter Apps gibt es keine Ankündigungen.
Reicht das um Android als Plattform attraktiv zu halten?
Mit dem Ausbleiben professioneller Hersteller fehlt ein Segment auf dem Android Market: das der aufwändigen, umfangreichen Spiele und Apps. Wer ein Smartphone möchte auf dem es eine große Auswahl derartiger Apps gibt, wird über kurz oder lang Android fern bleiben. Diese Kunden fehlen dann der Plattform.
Gibt es Alternativen?
Alternative Markets gibt es einige: AndAppstore, SlideMe, AppsLib und natürlich AndroidPit. Einige dieser Märkte sind auf Nischenprodukten vorinstalliert, wie z.B. AppsLib auf den Archos Tablets, oder jüngst der AndroidPit Market auf dem 1&1 Tablet.
Auch Hardware-Hersteller bauen eigene Markets auf. Motorola zum Beispiel hat seit geraumer Zeit den Start eines Shop4Apps genannten Markets angekündigt. (Quelle).
Die Bedeutung dieser alternativen Markets ist momentan noch rudimentär. Die Download-Zahlen der Apps auf slideme.com erreichen in der Regel nicht mal 10% der Download-Zahlen der gleichen Apps auf dem Android Market. Dies kann an der mangelnden Verbreitung der Märkte liegen, aber auch daran dass sie die oben bemängelten Hauptprobleme (Schutz vor Raubkopien, Einfache Bezahloptionen) auch nicht sehr viel besser lösen als der Market.
Sie hätten sicher eine Chance wenn sie gegenüber dem Android Market einen Mehrwert bieten, für den User und Hersteller bereit sind sich auch außerhalb eines auf dem Gerät vorinstallierten Markets zu bewegen.
Wenn mir jemand die Möglichkeit gibt in einem schön gestalteten Store gute Apps auf einfache Weise auch außerhalb des Android Markets kaufen zu können - ich wäre dabei. Für die Android Plattform wäre dies denke ich ein Schritt nach vorne.
Was meint Ihr?

J. P.
Sehr gut recherchierter Artikel, mit sehr guten Denkanstößen.
Ich wäre auf jeden Fall bei alternativen Markets dabei. Hoffe doch mal da tut sich etwas