Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen ein besseres Nutzungserlebnis bieten zu können. OK
5 Min Lesezeit 26 mal geteilt 20 Kommentare

Samsung, Facebook, HTC: Realitätsverzerrung in der Tech-Presse?

“Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt”, kommt mir häufig in den Sinn, wenn ich die in der Presse etwas zu beliebte Krisen-Rhetorik verfolge. Aber auch ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich beginne, eine vermeintliche Wahrheit unreflektiert zu reproduzieren, wenn sie nur oft genug wiederholt wurde. Aus aktuellem Anlass, hier mal wieder etwas Selbstkritik.

Stephan htc facebook samsung 2
Sind wir Opfer unser eigenen unbewussten Realitätsverzerrung? / © AndroidPIT/Samsung/HTC/Facebook

Wir Journalisten und Redakteure neigen mehr als andere Menschen dazu, in Episoden zu denken. Das wurde mir bereits während meiner Arbeit für WELT und ZEIT Online schmerzlich bewusst. In manchen Fällen entspringt das der Tatsache, dass viele Journalisten sich fälschlicherweise als allwissende Erklär-Bären mit Bildungsauftrag und nicht als neutrale Informationslieferanten begreifen. In anderen Fällen liegt es daran, dass Ereignisse schlichtweg spannender und interessanter wirken, wenn sie in einen größeren narrativen Kontext eingebettet sind. Aber das ist gefährlich, und manche vermeintlichen Wahrheiten entwickeln so ganz schnell eine Eigendynamik, der wir uns dann nicht mehr entziehen können. Drei Beispiele insbesondere veranlassen mich dazu, die Tech-Presse und mich selbst mal wieder auf den Prüfstand zu heben: HTC, Samsung und Facebook.

1. “HTC steckt in der Krise, und das One verkauft sich nicht gut”

Der erste Teil dieses Satzes ist unproblematisch, dafür gibt es genug Belege. Ob man bei einem mittlerweile Dauerzustand immer wieder von einer “Krise” sprechen muss, ist natürlich eine andere Frage. Aber das HTC One? Fakt ist: Das Gerät wurde in der weltweiten Presse gefeiert. Bis Mitte Mai allein soll HTC rund fünf Millionen Ones verkauft haben, also in zwei Monaten. Das sind keine offiziellen Zahlen, und manche Analysten bestreiten sie. Und natürlich sind das keine 20 Millionen à la Samsung. Aber HTC ist nun mal nicht Samsung. Weit davon entfernt. Und viele andere Hersteller könnten von Verkaufszahlen eines einzelnen Modells um die fünf Millionen herum nur träumen. Als Redakteure sollten wir uns also wenigstens die Frage stellen, ob es tatsächlich so selbstverständlich ist, dass bei HTC alles schlecht läuft oder ob wir hier nicht eventuell einen gewissen Tunnelblick entwickelt und uns auf einen negativen Erzählrahmen eingeschossen haben, selbst, wenn wir über ein für sich betrachtet erfolgreiches Smartphone sprechen.

htc one v2
Nicht selten wurde das One in der Presse als schönstes und mit bestes Android-Smartphone seiner Generation bezeichnet. / © AndroidPIT

2. “Samsungs Höhenflug ist zu Ende”

Wir sind nicht die Einzigen, die im Zuge der vergangenen Wochen und Monate schleichend begonnen haben, Samsungs Gesamtsituation schlechtzureden. “Ja, sie brechen alle Verkaufsrekorde aber...”, so der Ton. Dann gab es Berichte, das Note 3 werde aufgrund der enttäuschenden und einbrechenden S4-Nachfrage früher kommen. Das traf nicht ein, und kurz darauf knackte Samsung die rekordverdächtige 20-Millionen-Marke. Dann die Meldung, die Samsung-Aktie sei radikal eingebrochen. Das stimmt zwar, war aber im wirtschaftlichen Gesamtzusammenhang nicht sonderlich relevant. Kurz: Jeder Erfolg wird im Kontext eines vermeintlich schon am Horizont lauernden Absturzes dargestellt. Dieser mag zwar irgendwann kommen, es ist sogar fast unvermeidlich. 

samsung gaktie kurs
Momentaufnahmen sind spektakulär aber nicht immer repräsentativ: Links der Kursverlauf der Samsung-Aktie in den Tagen um den Einbruch. Rechts das Gesamtbild der vergangenen 3 Jahre. / © Wallstreet-Online, AndroidPIT

Aber für den Moment ist erst einmal Fakt, dass Samsung gerade wieder Rekord-Quartalszahlen veröffentlicht hat: Seit dem zweiten Quartal 2012 ist der Gewinn aus dem bei weitem wichtigsten Geschäftszweig für Samsung, dem mobilen Geschäft, um 52 Prozent gewachsen. Das ist auch ein Umsatzzuwachs von 54 Prozent, beziehungsweise ein Wachstum von 9 Prozent seit dem letzten Quartal. Ja, das Wachstum verlangsamt sich, aber ist das wirklich eine erschütternde Neuigkeit? Hat irgendwer ernsthaft erwartet, dass es in jedem Quartal ausschließlich mit gleichem oder gar ewig wachsendem Tempo bergauf geht? Wieder darf man sich fragen, ob wir nicht etwas zu voreingenommen geworden sind, weil es in unsere dramatische Narrative hineinpasst.

samsung performance
In einem bestimmten Rahmen gibt es immer Fluktuationen. Am Trend ändert das aber nichts. / © The Verge

3. “Für Facebook geht es langsam bergab”

Dieses Beispiel scheint mir das deutlichste. Von einer “Facebook-Müdigkeit” ist weitläufig (und so auch bei uns) die Rede. Dazu kommt, dass Facebook Home ein absoluter Flop war, genau wie das HTC First. Dabei ging viel Geld verloren, Mark Zuckerberg macht sich Sorgen. Der Abstieg des einstigen Giganten hat begonnen. All dies sind die impliziten und expliziten Botschaften der Berichterstattung. Mal ganz unabhängig davon, ob man sich das persönlich wünschen würde oder nicht, drängt sich durch aktuelle Quartalszahlen schon wieder eine ganz andere Realität auf: Relativ zum zweiten Quartal 2012 ist der Umsatz um 53 Prozent gestiegen. Operative Einnahmen lagen bei 562 Millionen Dollar im Vergleich zu einem operativen Verlust von 743 Millionen im Jahresvergleich. Auch Werbeeinnahmen wachsen, und die Zahl der aktiven Anzeigekunden hat einen neuen Rekordstand erreicht.

mark worried teaser
Mark Zuckerberg hat weitaus weniger Grund, sich Sorgen zu machen, als ihm unterstellt wird. / © DailyFinance/AndroidPIT

Aber was noch wichtiger ist: Die Zahl der täglich aktiven Nutzer ist seit dem zweiten Quartal 2012 um 27 Prozent auf 699 Millionen gewachsen, die der monatlich aktiven Nutzer um 21 Prozent auf 1,15 Milliarden. Die Zahl der mobilen monatlich aktiven Nutzer - ein besonders wichtiges Segment -  ist um 51 Prozent gestiegen. Darüber hinaus verbringen wir mehr Zeit denn je auf Facebook, so Mark Zuckerberg unter Berufung auf Reichweitenstatistiken von Comscore und anderen. Daher zum dritten Mal: Ist es denkbar, dass wir in unser eigenes Fahrwasser geraten sind und eine vermeintliche Wahrheit so oft wiederholt haben, dass sie zum Selbstläufer geworden ist, obwohl sie die Realität gar nicht akkurat abbildet?

Der Zweck dieses Artikels ist es nicht, Antworten zu geben, sondern die Fragen aufzuwerfen. Denn wenn wir das nicht regelmäßig tun, laufen wir Gefahr mit einer gewissen Selbstherrlichkeit unseren selbstauferlegten Informationsauftrag nicht zu erfüllen. Wie immer gilt: Es geht hier nicht um persönliche Ansichten, wie wir zu HTC, Samsung oder Facebook stehen, sondern einzig und allein um die Fakten.

26 mal geteilt

20 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben:

  • Ausgesprochen gut formuliert und die richtigen Fragen aufgeworfenen!


  • Sehr netter Artikel!
    Und trotzdem: bitte behaltet doch bei HTC den negativen Tunnelblick bei; zumindest solange sie ihre beschissene Update-Politik beibehalten..!


  • Guter Beitrag!


  • Fakten... ein Beispiel. Ein Produkt wird vorgestellt, blah, blah... im großen und ganzen fällt die Bewertung neutral, mit mehr positiven als negative Attribute aus. Dann, wie fast immer, kommt es zum Preis. UVP 600. 00 €. Tatsache war, das nie dieser Preis irgendwo im Netz aufgetaucht ist. Der höchste jemals geforderte war 450 €... vom ersten Tag an. Da seit Einführung drei Wochen vergangen waren, hier sind wir auch zeitlich bei der Veröffentlichung des Artikel, war der Preis aktuell bei 360~370 €. Nun frage ich mich, wie kann und warum geschieht das. Aus meiner Sicht heißt 600. 00 nein danke, wie wahrscheinlich die meisten denken würden. 360... schaue ich mir mal genauer an. Interessant wird es, wenn man weiss, welches Produkt als Alternativen aufgezeigt wurde. Ein IPhone.... das bei 600. 00 € wirklich eine hätte sein können, aber nicht bei 360. Hat der Autor sich an Fakten gehalten... ja, sicher. Wurden Fakten unterschlagen, mi unter mutwillig, bewusst zu gunsten des IPhone? War es einfach schlampige Arbeit? Oder steckt darin ein System?


  • btw top Artikel


  • genau so denke ich auch schon seit langem... nur Fakten zählen in diesen Branchen


  • Danke für diesen Artikel. Für die vermeintlich schlechten Absatzzahlen des HTC One habt ihr ja schon im entsprechenden Artikel Schelte bekommen. Obwohl ich nicht weiß, ob ihr da drauf reagiert habt. Also, schämt Euch und hört besser auf Eure Leser^^ Trotzdem nochmal Respekt für diesen Artikel.


  • Ich mein, da sucht sich halt ein Techblock-Redakteur irgendwelche Daten aus dem I-Net, bastelt daraus dramatische Überschriften und darunter seine subjektive Meinung. Das sorgt für Klickzahlen. Die Besucher sind happy und es entstehen interessante Diskussionen. Wo ist das Problem?
    Das ist im Grunde etwas Kohle nachschieben, damit das Feuer nicht ausgeht.
    Nichts anderes macht die Bildzeitung. Dementsprechend ist aber auch das Publikum. Wer wirkliche objektive Daten/Fakten haben will, muss sich vermutlich einen Job bei der National Security Agency/ NSA suchen.
    Sicher, wenn es um wichtige politisch, gesellschaftliche Themen geht, sehe ich das ein wenig anders.


  • Der Artikel ist sehr gut, davon sollte es mehr geben. Schön das hier auch Selbstkritik geübt wird. Danke


  • Guter Artikel, es ist immer gut, wenn Journalisten die medialen Mechanismen, die sie unbewusst mitgestalten, mal hinterfragen. Zu HTC hab ich persönlich rund um das One aber hauptsächlich positive Presse mitbekommen, aber vielleicht les ich auch die falschen/richtigen Medien ;)


  • Medien schreiben/berichten auch nur das was das “Volk“ lesen “will“... Da geht es auch nur um Auflage/Absatz etc. ;)


  • Mehr davon :-)


  • Ja, so ist das. Könnte man leicht um einiges erweitern, wir Menschen sind halt so gestrickt. Aber es wird einem auch einfach zu leicht gemacht. Ich als Leser, muss zb. hinnehmen das offizielle statement von Firmen als Maßstab der Qualität eines Produkt unreflektiert übernommen wird. Das ganze Abschnitte wortwörtlich in verschiedene Portale sich wiederfinden, aber als eigenständiger Test deklariert werden . Ähnlich verhält es sich generell mit Informationen, die anscheinend einfach nur eins zu eins übernommen werden. Das mag Zeit und Kosten sparen, aber zu einer freien Meinungsbildung, zur Meinungsvielheit...... trägt es nicht bei. Abgesehen davon, fühle ich mich auch betrogen. Mir wurde nämlich genau das versprochen... zumindest war ich mal so naiv, das zu glauben. Nicht bei der Bild, oder bei Marcus Lanz, oder Beckmann oder viele anderen Medien... hier bei AP bin ich mal davon ausgegangen. Ist aber schon lange her.


  • @Acid Burn: Ich bin zutiefst erschüttert!!!!! :-o Das ist ein Auszug aus den original Lyrics des offiziellen Pippi-Langstrumpf-Songs!!!


  •   56

    @Acid Burn:

    Kennst Du etwa nicht Pippi Langstrumpf? ;-)


  • “Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt” widewide??


  • Es ist immer bequem und einfach das zu glauben, was von vermeintlichen Fachleuten behauptet wird. doch sobald man selbst die Dinge hinterfragt und aktiv Informationen sucht sieht das Ganze doch etwas anders auch. in Zeiten der Finanzkrise sollte man ganz obacht sein, wenn irgendwelche Spekulanten und Investoren Quartalszahlen schlecht reden. oftmals liefern dieselben noch die nötigen Daten, die alles wieder relativieren. wahrscheinlich will man damit nur die gewinnmitnahme vertuschen indem aktienverkäufe durch angeblich schlechte Quartalszahlen begründet werden. letztendlich geht es immer nur darum, den Aktienkurs durch Äusserungen zu beeinflussen um gewinne zu erzielen und mithilfe eines sinkenden Kurses billig wieder einzusteigen.

    wir sollten mehr unseren eigenen Horizont durch Aufklärung erweitern als uns ständig mit unreflektierten Informationen volldudeln zu lassen.

    schon Kant hat es früh erkannt: "sapere aude"


  •   18

    Gott flooney,dein Kommentar hatte soviel Inhalt, wie ein ausgehüllter Kürbis :O
    (nur ein Spaß)
    Ich denke auch, dass man nicht alles glauben sollte, was man so auf der Straße hört. :D


  • Streng genommen sollte in Nachrichten kein Funken eigener Meinung stecken. Alles andere kann man nicht ernst nehmen, oder man filtert die Meinungen raus um sich seine Eigene zu bilden. Dass das sehr schwer umzusetzen ist weiß ich, aber (ich kann außer der "Bild" nur österreichische Nachrichtendienste nennen) so wie es die "Heute", "die Krone" oder "Österreich" machen gehts nicht, das ist nur Meinungsmache ohne wirklich Nachrichten zu verbreiten oder darauf einzugehen.

    Dass das hier ein Blog ist weiß ich, und auch, dass das hier nicht gilt. Aber man kann ja trotzdem versuchen objektiv zu bleiben, was ihr bisher leider nicht so gut hinbekommen habt.

    Die "gerade-Gurken-Regelung" der EU wurde von den Medien in Stücke gerissen, dass das aber fast nur Vorteile hat hat keine einzige Zeitung berichtet. Alle schrieben sie nur vom "Bürokratiewahn der EU".


  • Starker Artikel. Bitte mehr davon!

    Zum Artikel an sich: Auch ich denke, dass man manche Ereignisse nicht in ihrem eigentlichen Zusammenhang betrachtet, sondern eher aus dem Zusammenhang reißt, nur um dann behaupten zu können: "Ja genau so ist das" Ist es aber leider eben manchmal nicht. Nicht alles ist so einfach, und vieles muss man im Zusammenhang zu sehen, um wirklich sagen zu können, dass es genau so eintreten wird. Anderes widerrum ist einfach zu schnell geschlusfolgert, wie zum Beispiel dass HTC jetzt pleite gehen muss, nur weil das One nicht gut ankam. Dieser Fall muss als solcher aber gar nicht eintreten. Es kann auch ganz anders laufen. Vielleicht kriegt HTC ja mit dem nächsten Flagship wieder Fahrtwind und holt auf. Oder sie produzieren Handys für den kleinen Geldbeutel oder oder oder. Die Möglichkeiten sind endlich. Genauso Samsung. Die Dominanz muss nicht zwingend vorbei sein, nur weil die Aktie ein bisschen schwächelt.

Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen ein besseres Nutzungserlebnis bieten zu können. Mehr dazu

Alles klar!