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Blick aus der Blase 4 Min Lesezeit 27 Kommentare

Meine beste IFA-Story hat mit Technik nichts zu tun

Ich besuche seit Jahren die IFA und berichte von den spannenden Neuheiten, die dort immer wieder präsentiert werden. So auch dieses Jahr, und wieder gab es jede Menge tolle neue Dinge aus der Welt der Technik. Meine beste IFA-Geschichte ist aber eine ganz andere.

Die IFA ist langweilig geworden, sagen manche Kollegen. Zu wenig bahnbrechende Neuheiten, zu viel Ramsch, wenig Highlights. Ich sehe das anders, auch wenn man manchmal ein bisschen tiefer graben muss, um die Juwelen zu entdecken. Der Kirin 980 von Huawei ist genauer betrachtet ein enormer Schritt nach vorne, viele Smartphones rund um 300 Euro sind besser als die Flaggschiffe vor ein paar Jahren, die Entwicklung bei AI, Virtual Reality, Smart Home, Internet of Things und vielen Dingen geht rasend schnell und wird uns, unsere Umwelt und unsere Art zu leben nachhaltig verändern.

Und doch hat mich eine andere Geschichte auf der IFA 2018 weit mehr gefesselt als die ganze Technik, und das aus gutem Grund. Man ist als Journalist bei einer Messe ja viel unterwegs, und da trifft man die unterschiedlichsten Leute. Auf dem Weg zu einer Veranstaltung am Donnerstagabend kam ich mit dem Fahrer des Shuttlebusses ins Gespräch, der mich und einige Kollegen zur Location in Kreuzberg chauffierte, und ich war fasziniert, was der Mann, der 50 Jahre alt ist und kaum älter als 35 aussieht, alles zu erzählen hatte.

Kirin 980 6
Eines der Highlights der Messe: ein Computerchip. Doch es gibt noch mehr auf der Welt als Technik. / © Huawei

Eine Lebensgeschichte in 30 Minuten

Der Fahrer, nennen wir ihn mal Paule, auch wenn das nicht sein richtiger Name ist, hat mir in der halben Stunde Fahrtzeit sein ganzes Leben erzählt, zumindest in groben Zügen. Aufgewachsen in Ostdeutschland, der Vater war Zirkusartist, und zwar mit richtiger Ausbildung in der staatlichen Akademie der DDR (sowas gab es da?), die es in ähnlicher Form heute noch gibt (echt jetzt?!).

Der Sohn folgte dem Vater, dreieinhalb Jahre Artistenausbildung (dreieinhalb Jahre?!), um in einem der drei Staatszirkusse der DDR (die hatten nicht einen, sondern gleich drei Zirkusse?!) zu arbeiten. Danach dann, 1988, schickte die Führung der DDR Paule und die sieben anderen Mitglieder seiner Gruppe zu einem Zirkusfestival nach Paris - ein Experiment, hatte man noch nie gemacht. Klappte nicht ganz so gut, Paule und drei andere hauten ab, blieben alleine ohne Geld und Familie in Paris und gingen dann wieder nach Berlin - diesmal in den Westen. Keiner konnte wissen, ob er seine Eltern, Geschwister, Freunde und Verwandten jemals wieder sieht - was für ein Gefühl das sein muss, kann man sich heute als Deutscher kaum vorstellen.

Und die Geschichte hörte da noch nicht einmal auf. Nach der Republikflucht folgten noch Dinge wie ein vierfacher Kopfstand am Checkpoint Charly samt Foto in der Bild-Zeitung, eine neue Karriere mit vielen Hochs und Tiefs, Erlebnisse als Stadtführer in Berlin, Gentrifizierung hautnah, Akrobaten-Einsätze auf der IFA und vieles mehr. Der Mann hatte so viel zu erzählen, und ich so viel zu fragen, das war großartig. Fast wie bei einer Pressekonferenz oder einem Interview, und mindestens genauso spannend, nur eben mal ganz anders. Das war sehr erfrischend, und ich weiß seitdem viele Dinge, von denen ich vorher keine Ahnung hatte. So etwas mag ich sehr, denn ich bin - berufsbedingt, aber auch schon immer - einfach furchtbar neugierig.

Der Blick aus der Blase

Aber was lernen wir denn jetzt daraus? Eigentlich erstmal gar nichts, zumindest nichts, was man nicht schon vorher wusste, auch wenn man nicht immer dran denkt. Vielleicht nämlich, dass das echte Leben die besten Geschichten schreibt. Dass es auch eine enorm spannende Welt vor Facebook, WhatsApp und Smartphones gab. Dass Technik zwar toll, wichtig und wunderbar ist, aber eben auch nicht alles im Leben und nicht alle Probleme lösen und Aufgaben bewältigen kann und soll. Solche Sachen eben.

Ich bewege mich seit vielen Jahren und zu einem großen Teil meines Lebens in der Technik-Blase, und mir gefällt es darin auch verdammt gut. Aber Smartphones hin, AI & Co. her: Ab und an tut es gut, auch mal aus der Blase raus zu gucken und festzustellen: Da ist noch mehr, und zwar viel mehr, und das ist auch ziemlich großartig. Das wissen wir alle, aber manchmal muss man sich auch daran erinnern.

Wisst Ihr, was ich meine?

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Top-Kommentare der Community

  • Tenten vor 3 Monaten

    Ein schöner Artikel, vielen Dank für diesen kleinen Einblick. Ich finde, das dürft ihr ruhig öfter machen, Artikel schreiben, die nichts mit Technik zu tun haben. Das lockert das Magazin auf. Und der Artikel passt gut zu einem Sonntagabend.

  • Sophia Neun
    • Admin
    • Staff
    vor 3 Monaten

    Schön geschrieben! 🤗 Manchmal vergisst man es eben doch.

  • Tim vor 3 Monaten

    Fand den Artikel auch ziemlich erfrischend, wie schon andere geschrieben haben. Es sollte zwar nicht zu häufig vorkommen (es ist und bleibt ja ein Technik-Magazin^^) aber bspw. einmal die Woche oder so eben Sonntags könnte man solche Artikel gern häufiger bringen!

  • Aries vor 3 Monaten

    Ich finde den Artikel erfrischend.

27 Kommentare

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  • IFA 2018, Hologrammtechnik vorgestellt+++ neue Halle im Bau+++ Huawei stellt auch kampfstarke Netbooks vor+++ Reiseziel DJi beschämend für das Potential dieser Firma, keine aktiven Flugvorführungen +++


  • ohh in der ddr gab es staatszirkus und auch noch eine ausbildung dafür - unglaublich (ach ja,die hatten ja gar nix)


  • Das war doch mal ein Wort zum Sonntag. 👍


  • Tim vor 3 Monaten Link zum Kommentar

    Fand den Artikel auch ziemlich erfrischend, wie schon andere geschrieben haben. Es sollte zwar nicht zu häufig vorkommen (es ist und bleibt ja ein Technik-Magazin^^) aber bspw. einmal die Woche oder so eben Sonntags könnte man solche Artikel gern häufiger bringen!


  • Aries vor 3 Monaten Link zum Kommentar

    Ich finde den Artikel erfrischend.


  • Wer normal am Leben teilnimmt für den sind solche Dinge alltäglich. Das heißt man kann sich auch mit anderen Menschen austauschen


    • Tim vor 3 Monaten Link zum Kommentar

      Naja auch wenn man "am Leben teilnimmt" (nur weil man sich für Technik interessiert, nimmt man nicht nicht am Leben teil...), hat man trotzdem nicht jeden Tag die Gelegenheit so eine Geschichte zu erfahren. Alltäglich ist gerade sowas echt nicht.


  •   45
    Gelöschter Account vor 3 Monaten Link zum Kommentar

    @vos becker: wenn die Neugierde, diese Offenheit, diese Begeisterungsfähigkeit für überraschend anderes und die Fähigkeit der Empathie von Steffen "das Leben" ist, dann bin ich mir sicher, dass diese apathischen Zombie-Fressen, die sich allgegenwärtig übersprungshandelnd* durch WhatsApp und Facebook scrollen und ihre Umwelt nicht mehr wahrnehmen (weder beim UNBEMERKTEN Blickkontakt oder bei der PIN-Eingabe in der S-Bahn unter UNBEMERKTEN tausend Blicken, oder beim Herantreten eines Blinden mit Taststock, während sie selbst UNBEMERKT auf dem Blindenleitsystem am Banhsteig stehen oder in einer Gruppe Smartphones, die mit User-Fortsätzen am USB-Arsch auf dem Gehweg keinen Platz machen, weil sich Rücksichtnahme UNBEMERKT ausgeschlichen hat), das Leben wahrlich "vergessen" haben!

    *https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cbersprungbewegung


    • Die ungestillte Sehnsucht, wenigstens ab und an auch selbst bemerkt zu werden treibt viele zu Facebook. Ist ihnen das zu verdenken? Ich glaube nicht...


    • Tim vor 3 Monaten Link zum Kommentar

      Guter Standpunkt, aber bitte versuch' deine Sätze etwas zu kürzen :D Der ganze Kommentar is literally EIN Satz ... :D

      FrkGelöschter Account


      •   45
        Gelöschter Account vor 3 Monaten Link zum Kommentar

        Jepp! I will give it a try... :-)

        Tim


  • Ein schöner Artikel, vielen Dank für diesen kleinen Einblick. Ich finde, das dürft ihr ruhig öfter machen, Artikel schreiben, die nichts mit Technik zu tun haben. Das lockert das Magazin auf. Und der Artikel passt gut zu einem Sonntagabend.


    • Die besten Geschichten schreibt das Leben.
      Und diese stehen nicht bei Facebook und Co.
      Denn die besten Geschichten haben nichts mit oh, ich bin hier,
      und da,
      und dort
      oder
      ich habe dieses,
      jenes oder welches
      zu tun.

      Ach verdammt ich shoppe
      mich jetzt glücklich und spare mich reich. ;-).


  • So und ich behaupte dennoch das die IFA langweiliger wurde :p

    In den letzten 10 Jahren hat das Internet durch die Verbreitung von Smartphones einen großen Sprung gemacht und die Reichweite von Nachrichten hat sich drastisch vergrößert. Gerade wir Technik interessierten Nutzer sind bestens informiert und immer up to Date. Die IFA überrascht da einfach nicht mehr. Smartphones und Vernetzung sind längst Alltag für uns.

    Die IFA kann einfach mit der Geschwindigkeit mit der wir konsumieren nicht mithalten.


    • Tim vor 3 Monaten Link zum Kommentar

      Stimmt weitesgehend. Wenn man irgendwas neues auf der IFA finden will, muss man deshalb auch zu den kleinen, eher unscheinbaren Ausstellern gehen. Bei Samsung, LG, Sony und Co. findet man natürlich nichts interessantes mehr, wenn man sich damit beschäftigt ^^

      Aber bspw. Handyhüllen, die wie Kaffee, Eukalyptus und Co. RIECHEN, hatte ich, bevor ich auf der diesjährigen IFA war, nicht auf dem Schirm... :D
      Hin und wieder findet sich da schon noch witziges oder interessantes.


  • Sophia Neun
    • Admin
    • Staff
    vor 3 Monaten Link zum Kommentar

    Schön geschrieben! 🤗 Manchmal vergisst man es eben doch.

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