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5 Min Lesezeit 18 Kommentare

Die drahtlose Telegraphie, oder wie man 1910 das Smartphone erfand


(Bild: Ichsagmal.com)

Akkupower von morgens bis abends ist für Heavy User leider immer noch keine Selbstverständlichkeit.
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Auf der Suche nach einem Thema über welches ich einen Blog verfassen könnte, bin ich auf eine Infografik gestolpert, die sich mit dem mobilen Marketing der Zukunft beschäftigt. Im Fokus liegen hier die „3 Generationen“ – Baby Boomer, Genration X (oder C64) und die Millennials. Da mir der Begriff Millennials bisher unbekannt war, begann ich weiter zu recherchieren – doch hierzu in einem anderen Blog mehr.

Ich persönlich interessiere mich sehr für Geschichte und verschlinge diesbezügliche Reportagen geradezu. Dies erklärt vielleicht, warum ich bei einem der Suchergebnisse zum Millennium hängen geblieben bin. Es handelt sich um ein Buch Namens „Die Welt in hundert Jahren“, welches 1910 von Arthur Brehmer in Berlin herausgegeben wurde! Er hat führende Köpfe seiner Zeit dazu gebracht, Aufsätze mit ihren Zukunftsversionen zu verfassen. Die wenigsten sind Wirklichkeit geworden, in einigen Fällen muss man dabei von Glück reden, doch eine – die von Robert Stoss – sticht mit ihrer Treffsicherheit geradezu heraus.

Mit dem Glauben an Vorhersagen für die Zukunft bin ich sehr vorsichtig. Solange es sich um einen begrenzten Zeitraum handelt, wie es zum Beispiel Fabien und unser Redakteur-Team getan haben, mag es ja noch plausibel und die Treffsicherheit recht hoch sein, denke ich da an die Prophezeiungen der Mayas, bleibe ich weiterhin skeptisch. Doch wie bei den Prophezeiungen des Nostradamus, sind die Menschen im Nachhinein immer schlauer, weil die Formulierungen doch einen ziemlichen Interpretationsspielraum bieten.

Robert Stoss war in seinen Vorhersagen jedoch erstaunlich detailliert und hat die Wirklichkeit von 2010 - für seine Zeit - nahezu erschreckend genau getroffen. Man sollte bedenken: 1909 wurde der erste Toaster für die Massenproduktion entwickelt, Ford hat erst 18.000 T-Modelle gebaut und die drahtlose Telegraphie befand sich, nach seiner Erfindung um 1900, noch in den Kinderschuhen.

In seinem Kapitel „Das drahtlose Jahundert“ beschreibt er das „Telephon in der Westentasche“:

Es wird jedermann sein eigenes Taschentelephon haben, durch welches er sich, mit wem er will, wird verbinden können, einerlei, wo er auch ist, ob auf See, ob in den Bergen, dem durch die Luft gleitenden Aeroplan oder dem in der Tiefe dahinfahrenden Unterseeboot. […]

Die Bürger jener Zeit werden überall mit ihrem drahtlosen Empfänger herumgehen, der irgendwo, im Hut oder anderswo angebracht sein wird. […]

Nun gut, Hüte sind nicht mehr in der Mode, doch woher hätte er das ahnen können, waren sie doch seit Jahrhunderten ein gängiges Kleidungsstück. Auch bei den Unterseebooten lag er daneben. Der Rest jedoch, passt wie die Faust aufs Auge.

Monarchen, Kanzler, Diplomaten, Bankiers, Beamte und Direktoren werden ihre Geschäfte erledigen können, wo immer sie sind. […]

Wieder nur fast richtig: Außer Monarchen und Direktoren kann heutzutage auch der kleine Bürger von nebenan seine Geschäfte inzwischen per „drahtloser Telegraphie in der Westentasche“ erledigen, was uns zu seinem nächsten Zitat bringt:

Überhaupt wird das Einkaufen zu jener Zeit ein noch viel größeres Vergnügen sein als jetzt. Man wird einfach von seinem Zimmer aus alle Warenhäuser durchwandern können und in jeder Abteilung Halt machen, die man eingehender zu besichtigen oder wo man etwas auszuwählen wünscht […] Alle diese Wunder der drahtlosen Telegraphie werden das kommende Zeitalter zu einem großartigen, unglaublichen machen. […]

Onlineshopping ick hör dir trapsen… Tatsächlich können wir von (fast) überall auf der Welt einkaufen. Egal ob Bücher, Handys, Kleidung oder Dienstleistungen. Wir sind also nicht mal mehr auf unser Zimmer beschränkt, wie es zum Beispiel in diesem interessanten Film - „1999 a.D.“ von 1967 - der Fall ist. Diesem Film wurde übrigens schon vorgeworfen eine Fälschung zu sein, da er bereits die Realität von 1999 erstaunlich genau getroffen hat. Stichworte sind auch hier: Onlineshopping, Onlinebanking, E-Mail und Internet.

Video-Link

Doch widmen wir uns weiter den Vorhersagen von Robert Stoss. Erstaunlich ist wohl, dass die ersten Funktelefone bereits 1926 von der Deutschen Reichsbahn auf der Strecke Berlin – Hamburg eingesetzt wurden, doch die Vision geht ja noch weiter:

Nirgends, wo man auch ist, ist man allein. Überall ist man in Verbindung mit allem und jedem. Auch auf die Ehe und die Liebe wird der Einfluss der drahtlosen Telegraphie ein außerordentlicher sein. Künftighin wird sich die leibliche Gattin stets davon überzeugen können, was ihr Herr Gemahl treibt; aber auch der Herr Gemahl wird ganz genau wissen, wie und ob seine Gattin nur an ihn denkt. […]

Dieses Szenario hat George Orwell in seinem Klassiker 1984 aufgegriffen und ins Extreme verzerrt. Doch sein wir mal ehrlich: Noch nie haben wir so viele Daten von uns preisgegeben und noch nie war es so einfach, bezüglich Standort und Kauf- bzw. Nutzerverhalten beobachtet zu werden. Umso wichtiger wird es meiner Meinung nach, die Privatsphäre und den Datenschutz wenigstens genauer im Auge zu behalten und nicht blauäugig durch die Welt der „drahtlosen Telegraphie“ zu stapfen. Der Fall mit Vlingo hat gezeigt, wie wichtig dies ist. Dies ist jedoch eine Diskussion, die hier zu weit führen würde.

Angeregt durch die Treffsicherheit des Herrn Stoss, wage ich abschließend auch eine Prognose.

Das drahtlose Jahrhundert (2110)

Die heutigen Mobiltelefone sind durch Implantate ersetzt worden. Strom liefert die Körpereigene Elektrizität, wodurch Diskussionen über Akkulaufzeiten hinfällig geworden sind. Die Darstellung von Informationen, Filmen und ähnlichem findet direkt über - in die Netzhaut integrierte - Rezeptoren statt und lässt sich mit einem streichen über die Schläfe steuern.

Geld und Banken gibt es nicht mehr. Jedem Bürger steht ein gewisser Betrag zur Verfügung, der per hochentwickelter NFC-Technologie (Near Field Communication) automatisch abgebucht wird. Die Bandbreite der Kommunikation wird irgendwo in einem Bereich von 100 bis 1000 GBit liegen.

Was meint ihr dazu? Wie sehen Eure Prognosen für die „drahtlose Telegraphie“ in 100 Jahren aus?

Quellen: ichsagmal.com | Gedankenstrich.org | Buch: Digitale Visionen

18 Kommentare

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  • Also in meiner kleinen Welt sind Hüte sehr wohl in Mode! :-D


  • Die "Vorhersagen" von Robert Stoss sind eher Visionen. Er hat die vorhandene Technik als Basis verwendet und damit 100 Jahre in die Zukunft gedacht. Er hat also nichts Neues vorhergesagt, sondern vielmehr Bekanntes ausgereizt.

    Ein echter Prophet war in meinen Augen Jules Vernes, der Technik vorhergesagt hat, die zu seiner Zeit gar nicht existierte.

    Nichts desto trotz finde ich Robet Stoss Vision sehr interessant, hat er doch viele Ideen bereits in den Kinderschuhen der Funktelegraphie enwickelt, für die heute noch viel geklagt wird.

    Meine Vision für 2012:

    Auf die fossilen Brennstoffe möchte ich gar nicht eingehen. Da gibt es genügend Visionen zu. Die beste, die mir gefällt, ist immer noch von Isaac Assimov, der Stationen im All skizzierte, die die Sonnenenergie einfangen und in gebündelten Strahlen zur Erde senden. Hier möchte ich ansetzen:

    "Funkstrom" löst die Probleme der Akkulaufzeiten. Mit verschiedenen Strom-HotSpots laden sich die Smartphones der Zukunft an jeder Ecke auf.

    Die Smartphones habe die heute üblichen Computer, Laptops usw. abgelöst. Sie haben die Rechenleistung heutiger moderner Hochleistungsrechner. Eine universelle Schnittstelle erlaubt es, sie als Basis verschiedener Geräte zu verwenden. Der Fernseher bspw. existiert so nicht mehr. Vielmehr ist er nur eine Art Dockingstation für das Smartphone. Der Fernseher stellt nur den Inhalt dar. Genauso wurden Computer ersetzt. Man hat zwar noch einen Monitor mit Tastatur und Maus, aber keine eigenständige Recheneinheit mehr. Dazu dient das SmartPhone.

    Festnetztelefone wurden vollständig verdrängt. Auch die heute noch übliche Telefonie per GSM existiert nicht mehr. Vielmehr hat sich VoIP durchgesetzt. Da die SmartPhones sowieso ständig in einem Gigabit-Netzwek eingebunden sind, stellt das auch kein Problem dar. Vor allem die Videotelefonie hat dadurch einen Boom erlebt und ist gang und gäbe. Heute übliche Telefonnummern existieren daher auch nicht mehr. Jeder Mensch auf der Welt hat eine eindeutige Kennnummer, über die er auch erreichbar ist.

    Dank IPv6 hat jedes Gerät seine eigene IP. Nicht nur mein SmartPhone. Jeder Mensch erhält bereits als Neugeborenes ein Implantat. Es ist mein Ausweis, mein Schlüssel, mein Geld => mein Leben. Es identifiziert mich. Verlässt die letzte Person das Haus, wird dieses automatisch verriegelt und schaltet sich in einen Energiesparmodus. Verbrecher müssten sich diese Implantate erst entfernen lassen, wodurch sie aber am normalen gesellschaftlichen Leben nicht mehr teilhaben könnten. Denn um Energie zu sparen, läuft alles nur noch On-Demand und automatisiert. Der Burger bei McDonalds wird bereits bestellt (und bezahlt), kurz bevor man den Laden betritt. Er wird also nur dann zubereitet, wenn er auch benötigt wird. (NFC wird also nicht so lange eine Rolle spielen, sondern eher eine Zwischenlösung auf dem Weg zum Ziel sein.)

    Der Bedarf an Kraftfahrzeugen wird bereits 30 Jahre zuvor derart in die Höhe geschnellt sein, dass nicht mehr genügend Stellplätze vorhanden waren. Das führt zu einer neuen Art des öffentlichen Personennahverkehrs. Fahrzeuge werden nur noch gemietet. Die Automatisierung ermöglicht es, dass die Fahrzeuge die mietende Person abholen. Intelligente Systeme optimieren dabei die Verkehrsführung. Leerfahrten und nicht voll besetzte Fahrzeuge sind die Seltenheit. (Eine Kombination aus dem heutigen Carsharing und der Mitfahrzentrale.)


  • wurde in dem Buch auch das Problem mir dem Akku vorhergesagt?


  • Geiles Video... Ich denke, das wird aber keine hundert Jahre mehr dauern.



  • Sehr schön geschrieben, deine Prognose find ich, wie viele andere, gar nicht so unrealistisch. Den ersten Display auf einer Kontaktlinse gab es 2010 (wenn er auch nur 1 Pixel groß war).

    Die Daten werden größer, also werden auch die Übertragungsraten größer. Dann sind wir bei Frequenzen von 100 kHz ^^


  • DAS ist ja mal ein geiler Blog !!!

    Deine Vision für 2110 gefällt mir aber nicht so ganz, will doch was zum Spielen in der Hand haben xD

    Meine Vision:
    Wir werden unsere Lebensuhr im Arm tragen, die als Währung dient und speisen sämtliche intelligente Maschinen mit unserer Körperenergie


  • 100 bis 1000 GBit? Also das ist bei mobilen Netzen schon etwas unwarscheinlich.


  • mmh ich hab in meiner jugend gelernt
    das wir im jahr 2000 auf dem mond urlauben

    und das kaum noch jemand arbeitet

    ja-die hälfte stimmt:-)


  • Auch ich lese zwar ne Menge hier, schreibe aber eher wenig. Dieser Blog war allerdings einer der Interessanten die ich bis jetzt hier gelesen habe.
    Ich habe zwar weniger Interesse an der Vergangenheit als an der Zukunft (glaube mit deiner Prognose liegst du schon ziemlich gut) aber 1910 war das ja auch Zukunftsmusik.
    Was ich eigentlich loswerden wollte, danke dafür.


  • @Jens, daher mit der Körpereigenen Elektrizität ;-)

    Der Rest ergibt sich schon, denn am innovativsten wird die Menschheit immer in Notsituationen.

    @Susi mit den Glaskugeln ist das immer so eine Sache. Wenn AndroidPIT lange genug online bleibt, können unsere Nachkommen die Visionen ja nachprüfen :-P


  • Ich sehe da für unsere Zukunft eher schwarz. In hundert Jahren werden mit ziemlicher Sicherheit alle fossilen Brennstoffe aufgebraucht sein. Wenn die Menschheit bis dahin keine neue, und wenn es geht Erneuerbare, Energiequellen gefunden hat haben wir wohl wieder Breiftauben statt Smartphones.


  • Sehr schöner Blog. Es ist erstaunlich was es damals für Visionäre gab. Dass es 1926 schon Funktelefonie Haag, iss'n Ding.

    Die Zukunftsaussichten teile ich aber nicht mit ihnen, Herr Blogschreiber.

    Wie soll denn bei Implantaten der Absatzmarkt florieren? Nein ich denke dass man schon noch ein Gerät dabei hat, die Steuerung und Aufnahme der Information aber ähnlich wie bei Iron Man's wissenschaftlicher Tüftel-Software funktionieren wird mit drehen und wenden, von allen Seiten ansehen, zerknüllen usw.

    Eine wirklich intelligente Software, der ich alles diktieren kann, egal wie sehr ich nuschele oder Dialekt spreche.

    Da es ausreichen wird, sehr leise zu sprechen, kann man dies auch problemlos unterwegs im Bus o.ä. nutzen (also busähnliche Transportsysteme) und bei Bedarf auch lautlos diktieren rein durch Erkennen der Lippenbewegungen.

    Oh eben hat die Glaskugel keine Visionen mehr :-) Macht aber Spaß. :-]


  •   34

    Deine Blogs gefallen mir sehr gut Käpt'n.

    Was die Zukunft betrifft fehlt mir jegliche Phantasie da mich jetzt schon die Innovation die ich täglich in den Händen halte sprachlos macht.


  • @Karga: Da steht ja nichts von einer menschlichen Schläfe. ;)

    Der Blog ist klasse! Respekt dafür. Allerdings möchte ich was deine Prognose angeht an eines erinnern: Vor nicht einmal 50 - 60 Jahren glaubten die Leute im Jahr 2000 haben wir fliegende Autos und machen Urlaub auf dem Pluto. ;)


  • Netter Blog schön geschrieben hat Spaß gemacht es zu lesen...allerdings glaube ich das wir in 100 Jahren ausgestorben sind und die Welt wird von einer außerirdischen Bevölkerung bevölkert...


  • Hallo Felix,

    um so mehr ehrt mich Dein Kommentar, wenn Du es sonst nicht tust :-)

    Danke!


  • Ich kommentiere hier eigentlich nie. Aber das ist ein Beitrag, der hat einen kleinen Applaus verdient! Wirklich klasse! Vor allem weiss ich jetzt, welche CEOs von diversen Onlineshop und Handy-Herstellern, welches Buch gelesen haben! Verdammt! :D

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Alles klar!