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Twitter schadet der deutschen Sprache?

Verfasst von: Michael Maier — 03.01.2012

Ich will gleich zu Anfang einräumen, dass das ein oder andere Argument von Hans Zehetmair, seines Zeichens Vorsitzender des Rates für deutsche Rechtschreibung, eventuell ein Fünkchen Wahrheit enthält. Aber in einem dpa-Interview lässt der gute Mann – übrigens CSU Politiker und ehemaliger Stellvertretender  Ministerpräsident von Bayern, nicht dass das jetzt eine tiefere Bedeutung hätte – ein paar Sachen vom Stapel, bei denen ich mir nur denke: WTF?

So trägt seiner Meinung nach die „Fetzenliteratur“, die bei Twitter gepflegt wird, zur Degeneration bei. Das ist IMHO eine Wortwahl, die sich der gute Mann vielleicht lieber hätte verkneifen sollen. Wer nämlich anfängt im Netz dem Begriff Degeneration auf den Grund zu gehen, der könnte sich eventuell beleidigt fühlen, vorausgesetzt er ist Twitter-User und nutzt vielleicht auch im „normalen Leben“ Floskeln wie: CU, LOL oder ähnliche der deutschen Sprache schädlichen Abkürzungen, die – wie schon erwähnt – laut Hans Zehetmair zu einer Degeneration, also Rückentwicklung der deutschen Sprache führen. Das größte Problem an der erwähnten Degeneration ist IMHO allerdings die Wortwahl, ein Experte der deutschen Sprache hätte dies doch etwas besser formulieren können? Herr Zehetmair sollte doch wissen, dass ein schlecht gewähltes Wort eventuell zu "bad vibrations", zu Assoziationen führen könnte, die der Sache nicht dienlich sind? 

Aber auch Anglizismen sind Herr Zehetmair ein Dorn im Auge: "Ich bin nicht gegen Anglizismen im Allgemeinen, aber man sollte schon noch wissen, was die Worte auf Deutsch heißen."

Dem kann man durchaus zustimmen, zumal ich eigentlich denke, dass dies bei den meisten – selbst Twitter-Usern – der Fall ist. Aber Herr Zehetmair ist anscheinend der Meinung, dass Leser und Schreiber von „Fetzenliteratur“ prinzipiell nichts hinterfragen, also die Connection nicht checken, und sieht dies als "symptomatisch für eine Gesellschaft, die nicht mehr hinter die Dinge blickt und die Hintergründe nicht mehr beleuchtet" an. Und wieder kommt mir ein WTF in den Sinn, zum ROFLOL bringen mich diese Worte mit Sicherheit nicht.

Ich nehme an, ich bin nicht der einzige, der das Gefühl hat, da spricht jemand, der keine Ahnung von der Materie hat, die er da verteufelt, und kann mir nur mit Mühe ein STFU verkneifen.

Quelle: Computerbase

44 Kommentare

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  • Rolf Blank 05.01.2012 Link zum Kommentar

    Als 47er Jahrgang meine ich, dass auch in meiner Jugend ganz eigene Begriffe und Redeweisen üblich waren.

    Später normalisiert sich das auf Erwachsenen- Kommunikation, die ja auch nicht frei von Modebegriffen, auch in deutscher Sprache, ist.

    Immerhin darf ich feststellen, dass das Schreibniveau hier in diesen Foren besser ist, als in vielen anderen.

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  • Jay Ar 05.01.2012 Link zum Kommentar

    Herr Stefanowitsch hat sich im Sprachlog dann doch nochmal der Nachricht angenommen.

    http://www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachpolitik/2012-01-05/fetzenlogik

    Kurz zusammengefasst, Analphabetismus ist eine Frage von Bildung und die kann man Twitter-Nutzern mit knapp 80% Abitur wohl am wenigsten absprechen.

    Aber Bildung kostet leider mehr als billige Polemik.

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  • OxKing 05.01.2012 Link zum Kommentar

    *gähn*
    Das selbe Gejammer wie seit über 10 Jahren.
    SMS macht die Kinder doof, Chatten verblödet.
    und jetzt ist es halt mal Twitter.

    Wenn man mal Sprachwissenschaftler nach solchen Aussagen befragt
    lachen sie laut aus (pun intended, lol! ;) ).
    Sprache verändert sich, weil Sprachen nun mal lebendig sind.
    Selbst dieser feine Herr spricht nicht mehr das selbe Deutsch wie Goethe es tat.
    Und das ist weder gut noch schlecht, sondern einfach eine Tatsache.
    Und Anglizismen sind auch nur Lehnwörter von denen nicht nur die
    deutsche Sprache nur so strotzt. Ich wette der Herr benutzt auch Wörter
    wie Garage oder Portemonnaie, und selbst Wörter wie
    Joghurt, Ski oder Gurke haben ihre Ursprünge in anderen Sprachen.

    Dieses Jugendgebashe ist doch lediglich ein Anbiederungsversuch
    an die Rentner Generation, Vorurteile und Ängste schüren,
    die Gesellschaft in immer mehr kleine Gruppen spalten nur um
    bei seinen Stammwählern stimmen zu fangen, weil diese auf diese plumpen
    Argumente hereinfallen und empört sagen "endlich spricht das mal einer an!
    Diese Jugend™ verwahrlost doch unsere gute deutsche Sprache!".

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  • meiner einer 04.01.2012 Link zum Kommentar

    Und ich hab noch nicht mal den nutzen von twitter begriffen. Ich verzichte gern weiterhin auf diesen Dienst.

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  • Dirk B. 04.01.2012 Link zum Kommentar

    So, jetzt muss ich, statt schon zu schlafen, auch noch einen Kommentar loswerden.
    Ich finde dieser Herr hat vollkommen recht damit, dass die deutsche Sprache den Bach runter geht. Das ist in meinen Augen aber nicht Twitter und Co geschuldet, sondern der langjährigen Einstellung der Schulen, dass Grammatik und Rechtschreibung nicht mehr so wichtig seien.
    Ich bin nicht auf dem neuesten Stand, wie es jetzt aussieht - und dank der unsinnigen Länderkompentenz in Schulfragen hat ja eh keiner einen Überblick über alles - aber es war zumindest nach meiner eigenen Schulzeit (in Hamburg) so, dass die Grundschule zu einem Wohlfühlplatz ohne Noten wurde und später in der "echten" Schule Grammatik- und Rechtschreibfehler in Tests fast nichts ausmachten. Da ist es doch kein Wunder, dass die Arbeitgeber seit Jahren über quasi legasthenische Bewerber klagen.
    Für mich steht momentan die Degeneration fest, aber nicht wegen Sms und Twitter, sondern wegen falschen Prioritäten in den Schulen und desinteressierten oder überforderten Eltern.
    Wenn man in der Schule für Sätze wie "Ich geh dann Bahnhof" ordentlich einen rein gewürgt kriegt, gewöhnt man sich das irgendwann auch ab.

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  • Dan Pa 03.01.2012 Link zum Kommentar

    In einigen Punkten hat der Herr Zehetmair durch aus Recht, allerdings ist es schlichtweg falsch diese Argumente auf die gesamte Jugend anzuwenden. Die Meisten, die solche Floskeln nutzen, nutzen diese ausschließlich im Internet, besonders auf Facebook, Twitter oder in Chaträumen.
    Die wenigsten übertragen die Formulierungen in echte Gespräche und alle beherrschen die deutsche Sprache auf anständigem Niveau. Ich bin mir sicher, dass keiner auf die Idee kommen würde IMHO oder LOL in eine Bewerbung zu schreiben.

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  • Christoph P. 03.01.2012 Link zum Kommentar

    Ich denke man sollte auch ein wenig unterscheiden zwischen Privaten und Beruflichen. Was das Ausdrücken von Sätzen mit Sprachfetzen im Privaten vielleicht noch in Ordnung geht, könnte ich mir nie bei beruflichen E-Mails vorstellen.
    Trotzdem finde ich diese Entwicklung, für eine sehr schöne und umfangreiche Sprache wie die unsere, sehr schade.

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  • Wurst Hansel 03.01.2012 Link zum Kommentar

    Die Sprache durchläuft das gleiche Problem wie so viele andere Sachen, die durch das Internet beeinflusst werden: Zu schnelle Veränderung. Veränderung ist gut, an zu schnelle Veränderung können wir uns jedoch schlecht anpassen.
    Und natürlich ist es eine Katastrophe, wenn sich alt und jung nicht mehr richtig austauschen können.
    Erste Begegnung mit Sprachfetzen im RL (Ha, da isses wieder... "richtigen Leben") hatte ich schon vor Jahren. Ein Kumpel von mir wollte mir was erklären und ich verstand nur noch Bahnhof. Auf die Frage, warum er mir das nicht mit ordentlichen deutschen Worten sagen will, schaute er fragend in sich selbst hinein. Grund für die Sprachfetzen war (und ist auch heute noch) das Onlinespielen, bei dem oft sehr schnell gechattet wird.
    Zweite Begegnung war das Wort "Outtakes". Als ich meine Nichte fragte, was das ist, lachte sie mich aus.
    Ich bin noch nicht so alt und komme auch ganz gut hinterher, aber trotzdem finde ich Sprachfetzen und Anglizismen teilweise furchtbar. "Supermarkt", "Jobcenter" , "sale"....
    Das sind wirklich ungemein wichtigeTeile der deutschen Sprache, die einem im alltäglichen Leben nicht mehr begegnen (Beruf, Zentrum, Kaufhalle, Laden...).
    Die Veränderung passiert viel zu schnell und vor Allem nicht in der gesamten Gesellschaft. Wer ist nun in der Verantwortung? Müssen die "der deutschen Sprache mächtigen" ihr Wissen an die junge Generation weitergeben oder umgekehrt? Wer sollte von wem lernen?
    Ich meine, es ist egal. Aber es muss gelernt werden. Denn nur dann kann sich wieder jeder mit jedem verständigen.

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  • Gerrit G. 03.01.2012 Link zum Kommentar

    Zum Glück ist es noch nicht verboten so zu reden und zu schreiben wie man möchte. Wäre ja noch schöner, wenn ein alter Spießer mir vorschreibt wie ich mich auszudrücken habe. Als ob die Welt keine wichtigeren Probleme hätte.

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  • Tobias G. 03.01.2012 Link zum Kommentar

    Weiterentwicklung ist etwas, was die Allgemeinheit betrifft. Wenn LOL, ROFL, IMHO, falsche Groß- und Kleinschreibung, sowie Internet- (oder Straßen-)slang als Weiterentwicklung betrachtet werden, ist das in meinen Augen relativ armselig.

    Die neue Rechtschreibung war eine Weiterentwicklung (wenn auch nicht immer eine Gute), oder z.B. dass das Wort "googeln" in den Duden aufgenommen wird. Da kann jeder etwas mit anfangen und so etwas ist eine für mich auch nachvollziehbare Entwicklung.

    Verhindern kann man es leider nicht, da stimme ich dir zu (wie auch in meinem obigen Kommentar schon gesagt). Aber eine Form ist nötig, damit wir nicht irgendwann nur noch aneinander vorbeibrabbeln...

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  • Ruddy Robot 03.01.2012 Link zum Kommentar

    Nur so als Info.

    Die deutsche Sprache wurde nicht auf dem Reißbrett entworfen sondern hat sich über Jahrhunderte entwickelt. Erst Martin Luther hat sie mehr oder minder in eine Form gepresst (deswegen gibt es ja auch so viele Ausnahme-Regelungen in der deutschen Sprache).

    Was ich damit sagen möchte ist, dass sich die Sprache immer weiterentwickelt. Sie passt sich somit besser an die momentanen Verhältnisse an, so wie es bei einer Evolution nun mal üblich ist.

    Zu versuchen das zu verhindern ist ein Kampf gegen Windmühlen...

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  • Stefan L. 03.01.2012 Link zum Kommentar

    @Susie: Du glaubst nicht wie ernst das ist, ich schüttle mich noch immer vor Angst vor meinem letzten Kommentar! Ob es Ironie war? Auf keinen Fall! (*schaudern beim Schreiben dieses Kommentars*)

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  • Andy N. 03.01.2012 Link zum Kommentar

    Es gibt aber im Deutschen das Wort Datenstrom und bei Videostreams können man den Begriff Videoübertragung verwenden. Warum nicht auch Videostrom?
    Etwas 1:1 zu übersetzen ist mit Sicherheit der falsche Weg ;)

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  • Susie 03.01.2012 Link zum Kommentar

    Hypophoraphobie wäre demnach die panische Angst vor Fragen, die sich der Fragende im folgenden Text selbst beantwortet?!

    Die Angst vor einem sprachlichen Stilmittel?

    DAS kann ich mir nun nicht so ganz vorstellen. Ich bin selbst ein Mensch mit Angsterkrankung und kenne durchaus Schlimmeres.

    o_O

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  • Susie 03.01.2012 Link zum Kommentar

    Gestreamt hört sich ja wirklich auch besser an wie geströmt :-D.

    Teils geht es auch nicht anders als ein Wort von einem Fremdwort abzuleiten!

    Ich hatte mich jedenfalls mal köstlich amusiert, als ich mir per Hörbuch (nein, ich sag jetzt nicht Audiobook) mal von Bastian Sick "der Dativ ist dem Genetiv sein Tod" zu Gemüte geführt habe.

    Köstlich. Kann ich nur jedem empfehlen.

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  • Andreas B. 03.01.2012 Link zum Kommentar

    Twitter hat damit gar nicht so viel zu tun, das beobachtet man doch schon seitdem die SMS aufgekommen ist. Ich würde aber sagen alle Formen von Chats sind viel schädlicher für unsere Sprache. Man sieht das gerade in Foren immer wieder dass Leute sich einfach nicht vernünftig ausdrücken können bzw. wollen. Einfach weil sie es so von MSN, ICQ, usw. gewohnt sind und wenn man sie darauf hinweist doch bitte Satzzeichen und Absätze zu benutzen statt eine Textmauer hinzusetzen die wirklich anstrengend zu lesen ist und von Vielen einfach übersprungen wird wird man angemault man wär hier doch nicht in der Schule und man soll sich nicht so anstellen.

    Das mit den Anglizismen sehe ich an sich nicht so wild, das gehört einfach zur sprachlichen Entwicklung. Allerdings finde ich es sehr bedenklich wie Wörter regelrecht massakriert werden - auch öfters mal hier in den Blogbeiträgen (wobei ich mir da manchmal nicht sicher bin ob das wirklich an der Sprache liegt, oft kommt es mir so vor als wäre ein englischer Text halbherzig übersetzt worden um ihn möglichst schnell hier auf der Seite zu haben)
    Da werden irgendwelche englischen Wörter genommen und deutsche Silben angehängt und teilweise sogar mitten ins Wort gestopft obwohl ein ordentlich deutsches Wort nicht nur sprachlich viel besser geeignet sondern auch deutlich besser zu lesen wäre. Das fängt schon damit an dass man sagt "ich hab mir das downgeloaded" statt heruntergeladen.

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  • Selcuk Tekin 03.01.2012 Link zum Kommentar

    Was mich an den Kommentaren grad einfach nur amüsiert ist der Fall, dass grad alle krampfhaft versuchen in irgendeiner Form Hochdeutsch zu schreiben und kaum benutzte Fachwörter in ihre Sätze einstreuen, nur um nicht "degeneriert" zu wirken ^^
    Der Blogeintrag war ja schon gut zu lesen, aber die Kommentare mal wieder xD

    Da merkt man, dass selbst die Menschen nichts anderes sind als egoistische Herdentiere, die um keinen Preis in irgendeiner Form schlechter dargestellt werden wollen als ihre Mitmenschen, sondern - in diesem Fall - durch besonders adäquate hochdeutsche Fachsprache sich über die anderen stellen wollen.

    (und denkt nicht, ich würde mich selber nicht als egoistisches Herdentier bezeichnen ;-) bin schließlich auch nur ein Mensch)

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  • Janne 03.01.2012 Link zum Kommentar

    Ja ja, früher war alles besser. Sagte schon mein Großvater und dessen Vater und dessen Vater und...

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  • Andy N. 03.01.2012 Link zum Kommentar

    Ein kurzer Textstil ist ja erst mal nichts schlimmes. Das kennt man schon seit der Telegraphie und wir verwenden immer noch Wörter die mit der Telegraphie entstanden sind.

    Nur wenn in Zukunft der kurze Textstil mehr Erfolg hat als ein langer ausführlicher Text, der auch von jemanden geschrieben wurde der sehr gut mit der deutschen Sprache umgehen kann, dann glaube ich sehr wohl, dass es einen negativen Einfluss auf die deutsche Sprache hat.

    Twitter ist dann nur die Extremform, die viele dazu verleitet nur noch den kurzen Text zu lesen, nicht mehr den Zeitungsartikel der verlinkt wurde.
    Genau so können aber Blog, Foren und Facebook einen Einfluss haben, wenn dann qualitative Texte (literarische Texte, Zeitungsartikel) seltener gelesen werden.

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  • Stefan L. 03.01.2012 Link zum Kommentar

    Immer mehr Menschen leiden übrigens an Hypophoraphobie. Ist das nicht eine ernstzunehmende Sache? Ja das ist es..

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