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Totale Transparenz: So fair ist das neue Fairphone 2

Hinter dem Fairphone verbirgt sich der Versuch, Technik wirtschaftlich nachhaltiger, fairer und umweltfreundlicher herzustellen. Derartige Ambitionen erfordern Transparenz. Und die liefert das Unternehmen nun mit detaillierten Zahlen (hier gelangt Ihr zur vollen Fairphone-2-Kostenauflistung).

Wer glaubt, dass ein Kilogramm Fleisch für 5,99 Euro von “glücklichen Kühen” stammt, sollte das noch einmal überdenken. Der im Prinzip gleichen Logik folgend, sollte jedem klar sein, dass ein Highend-Smartphone für 300 Euro kaum ohne Ausbeutung und anderweitig fragwürdige Praktiken machbar ist, sei es in der Rohstoffgewinnung, der Herstellung und Entsorgung von Komponenten oder natürlich im Zusammenbau.

Dementsprechend ist das Fairphone 2, das noch im November ausgeliefert werden soll, mit seiner Highend-Hardware aus dem Jahr 2013 kein Schnäppchen. Doch erstens reicht diese nach wie vor aus und zweitens gibt es schlichtweg keine Alternativen für Nutzer, bei denen das Gewissen mit kauft.

Doch versprechen kann man viel. Was genau steckt nun hinter dem Fairphone? Wie fair ist es? Um Licht in dieses Dunkel zu bringen, haben die Hersteller nun en detail offengelegt, wie sich die 525 Euro, die das Fairphone 2 kosten wird, zusammensetzen. 

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Wie fair kann ein Smartphone sein? / © Fairphone

Der Löwenanteil: Produktionskosten

Der Großteil des Preises geht mit 340 Euro wenig überraschend auf die reine Produktion. Was “Produktion” bzw. “Herstellung” genau bedeutet, wird erst klar, wenn man hier tiefer in die Aufschlüsselung guckt. Denn 230 Euro davon verfallen alleine auf die Rohstoffe, die zur Produktion benötigt werden. Die eigentliche Herstellung und Montage machen gerade einmal 37,20 Euro aus. Dieser Wert enthält auch die Bezahlung der Arbeiter, in Zahlen ausgedrückt sind das 9,80 Euro. 

Meine erste Reaktion auf diese Zahl war: “Das soll fair sein?”. Wir können nicht tief genug in die Produktionskette blicken, um das tatsächlich bewerten zu können, schließlich muss man dazu das Lohnniveau, Lebenserhaltungskosten und Arbeitsbedingungen in den Ländern kennen, in denen die Montage erfolgt. Doch immerhin liegen diese 10 Euro weit über dem, was Apple laut den Analysten von IHS in den Zusammenbau seiner iPhones investiert. Dort wird nämlich von 4 bis 4,50 US-Dollar ausgegangen. 67 Euro fließen laut Fairphone zudem in “soziale und umweltfreundliche Investitionen in unserer Lieferkette und in betriebliche Tätigkeiten”.

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Das ist der Preis des Fairphone 2. / © Fairphone

Steuern und Vertriebsmargen

Den zweithöchsten Posten in der Preiszusammenstellung machen Steuern und Händler-Margen für den Vertrieb aus. Das sind insgesamt 118 Euro. Mit anderen Worten, der Anteil der 525 Euro, den Fairphone tatsächlich in die gesamte Produktion des Fairphone 2 Stecken kann, beträgt etwa 407 Euro. 

Investitionen in Nachhaltigkeit

33 Euro fließen in Investitionen. Das mag nicht nach viel klingen, doch Teil des Fairphone-Konzeptes ist es, nachhaltig zu produzieren, also Geräte zu verkaufen, die gut reparierbar sind und deren Einzelkomponenten sich leicht austauschen lassen, sodass insgesamt weniger Müll anfällt und der Lebenszyklus eines Fairphones nicht künstlich verkürzt wird.

Das ist zwar löblich, gleichzeitig stellt es aber auch ein riesiges ökonomisches Hindernis für die Macher hinter dem Projekt dar. Schließlich ist geplante Obsoleszenz, also die Tatsache, dass ein Produkt nur eine bestimmte Zeit halten soll, damit es dann durch ein neues ersetzt wird, eine Säule der modernen Wirtschaft. Wenn Fairphones ohnehin schon keinen echten Gewinn abwerfen, dann aber auch erst später ersetzt werden als "unfaire" Smartphones, wie will sich das Projekt auf Dauer tragen?

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Einer der Gedanken hinter dem Fairphone 2 ist ein einfacher Zusammenbau und gute Reparierbarkeit. / © Fairphone

Betriebskosten und die Gewinnmarge

Insgesamt bleiben nun noch bescheidene 25 Euro, von denen die gesamte Belegschaft bezahlt und die Firma betrieben wird. Nicht einmal sieben Euro pro Fairphone 2 fließen ins Marketing. Wenn man bedenkt, dass Samsung und Apple im Jahr 2013 in den USA allein jeweils rund 350 Millionen Dollar in Smartphone-Werbung steckten, wird klar, wie wenig das ist.

Der Punkt, der sicherlich zu den interessantesten zählt, ist jedoch die Gewinnmarge. Wir wissen, dass Apple zwischen 45 und 50 Prozent pro verkauftem iPhone in die eigene Tasche steckt, was einen absoluten Rekord auf dem Markt darstellt. Bei den gängigen Kaufpreisen sind das 350 bis 500 Euro. Dem gegenüber stehen bescheidene 9 Euro, die Fairphone pro Gerät als Gewinn verbucht. 

Das ist hart, aber niemand hat behauptet, das Leben sei fair. 

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Top-Kommentare der Community

  • Stephan Serowy 11.09.2015

    Ja, diese spezielle Klientel mit... wie heißt das gleich? Ach ja, Gewissen! :D

    Nein, im Ernst, ich weiß, was du meinst. Ich bin auch nicht so ethisch, wie ich gerne wäre. Ich bewundere das Projekt zutiefst und respektiere Menschen, die es unterstützen bzw. sich zu so einem Modell entschließen, aber ich fürchte, ich werde keines bestellen...

37 Kommentare

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  • Interessanter Artikel mal zu lesen wie Fairphone rechnet. Könntet ihr das mal mit Samsung gegenüberstellen oder gibt es von Samsung's Seite darüber keine Auskünfte? -Danke.


  • "Nicht einmal sieben Euro pro Fairphone 2 fließen ins Marketing. Wenn man bedenkt, dass Samsung und Apple im Jahr 2013 in den USA allein jeweils rund 350 Millionen Dollar in Smartphone-Werbung steckten ..."

    Und wieviele Geräte haben Apple und Samsung 2013 jeweils abgesetzt?
    Wenn dann bitte bei allen pro Gerät rechnen!


  • Es gibt keine Fairness in einer Kapitalgesellschaft


  • Niemand kann bei einem Telefon eine längere Nutzungsdauer garantieren , nur weil es unter der Prämisse der Müllvermeidung leicht reparabel hergestellt wird. Auf die Anforderungen des Betriebssystems haben die Hersteller keinen Einfluss. Besonders bei Android sehe ich da einen Spagat den kein Hersteller meistern kann und wo sicher auch viele Hersteller froh drum sind.


  • Etwas am Design und Einzigartigkeit sollten sie noch feilen, damit es auch optisch ansprechend ist.
    Dass die Geräte keine kurze Ablebbarkeit innehaben wie es diese moderne Wirtschaft vorsieht, sehe ich nicht als Problem. Selten kauft man, um kaputtes zu ersetzen.


  • Die Ausstattung ist etwa Nexus 5 Niveau, und damit ca. 400 Euro wert. Das heißt, dass jeder Käufer von den ganzen Sauereien (wie Umweltverschmutzung und Ausbeutung) mit ca. 100 Euro profitiert.

    Kein Wunder, dass alle da mitmachen...


  • Die Idee von Fairphone finde ich grundsätzlich gut. Kaufen würde ich mir sowas aber nur, wenn es sich um Aktuelle Hardware handelt!


  • Und? Soll ich mich jetzt schlecht fühlen weil ich so ein Schrott nicht kaufe?


  •   23

    Gelöscht


  •   23

    Ja hatte ich mich doch schon weiter oben zu geäußert .

    Zu den fairen Verhältnissen und unwirtschaftlichen Preisen.

    Warum 500€ für drei Jahre alte Hardware ausgeben ,dazu mit Android was wohl bis dahin veraltet ist wieder und mir keiner sagen kann ob es dafür jemals Updates geben wird ,wenn ich ein Smartphone für gutes Geld bekommen,mit einem wirtschaftlichen OS und grosser Community ? 😞

    Bitte- danke !


  • 230 € für Rohstoffe kann ich nicht nachvollziehen. Der Rohstoffverbrauch, also vor allem bei Tantal, Gold, Palladium, seltenen Erden usw. dürfte sich bei so einem Gerät nicht wesentlich vom Rohstoffverbrauch eines 100€ Gerätes unterscheiden, welches dann nicht mehr finanzierbar wäre. Überhaupt sind nur wenige Gramm (Tantal) bis Milligramm (Gold) in den Geräten.

    Laut dieser Quelle sind die Rohstoffe eines Smartphones gerade mal ein bis zwei Euro wert.
    Rohstoffwert von 85 Millionen Althandy's: 135 Millionen Euro.

    http://www.handy-clever-entsorgen.bayern.de/include/allgemein/scripte/mobile.php?url=/hintergrundinformation/index.htm


    Selbst wenn man für die konfliktfreien Rohstoffe einen Faktor von 10 annimmt, ist man doch noch weit von 230 € weg.
    "Rohstoffe" dürften also eher Bauteilkosten sein, was bei den kleineren Stückzahlen realistisch erscheint, vor allem wenn die konfliktfrei sind. Fairphone soll sich ja zusammen mit den Bauteileherstellern bemühen, nur Bauteile ohne Konflikt-Rohstoffe zu verwenden, könnte also tatsächlich Rohstoffkosten haben (Zuzahlungen an die Hersteller), die nicht schon in den (normalen) Bauteilen eingepreist sind.
    Auch die Kosten für die Produktion erscheinen hoch, wenn man sie an den reinen Fertigungskosten misst. Wo bleiben die über 70 € nach Abzug der 37,20 € für Herstellung und Fertigung? Was ist da so teuer? Ist das ein Aufschlag für die kleine Stückzahl? (Fixkostenaufschlag)

    Ich halte die Fairphone-Idee für nobel und unterstützenswert, aber zumindest diesem Artikel kann ich die totale Transparenz nicht entnehmen, die Fairphone vielleicht an anderer Stelle offengelegt hat.

    Geplante Obsoleszenz geht über schlechte Reparierbarkeit hinaus, es ist die bewusste Verkürzung der Lebensdauer eines Gerätes durch vorsätzliche Fehlkonstruktion.
    Geplante Obsoleszenz ist keine Säule der modernen Wirtschaft, sondern eine Form des Betrugs am Käufer, die in Frankreich verboten ist. Frankreich hat auch eine moderne Volkswirtschaft.

    http://mobil.n-tv.de/wirtschaft/Frankreich-verbietet-geplante-Obsoleszenz-article15746266.html


    • Ich stimme dir zu in dem Punkt, dass geplante Obsoleszenz eine gezielte Verkürzung der Lebensdauer durch entsprechende Konstruktion, ist. Jedoch ist sie leider eine Säule der modernen Wirtschaft und kein Einzelfall oder das "Vergehen" einzelner Unternehmen. Heutzutage kann die Lebenszeit aller komplexen und unkomplexen Produkte auf die Betriebsstunde genau geplant werden. Für Unternehmen ist es ökonomisch nur sinnvoll und rational die Möglichkeiten auch auszunutzen und ihre Produkte so zu konstruieren, dass sie nach einer gewissen Zeit defekt sind, um dann bei einem Ersatzkauf wieder zu verdienen. Gesamtwirtschaftlich gesehen ist solches Handeln natürlich verwerflich und unrational.


      • Würden hierzulande die staatliche Rahmenbedingungen anders gesetzt, wären die Bedingungen für alle gleich, und die Unternehmen müssten unter den neuen Bedingungen wirtschaftlich handeln, vielleicht bei etwas höheren Produktpreisen. Beispiel:
        Würde man die gesetzliche Gewährleistung auf 5 Jahre ausdehnen, ohne dass der Käufer einen Verschuldensnachweis des Herstellers erbringen müsste, würde zumindest die Lebensdauerplanung der Geräte diese 5 Jahre umfassen. In einem grossen Markt wie Deutschland, oder noch besser ganz Europa, liesse sich das gut durchsetzen. Man müsste niemanden etwas nachweisen (wie bei der französischen Lösung), sondern was innerhalb von 5 Jahren durch normalen Gebrauch kaputt geht, muss ersetzt oder repariert werden.

        Ich bin selber im Produktdesign tätig, und ich kann Dir vergewissern, auf die Betriebsstunde genau lässt sich da nichts planen, es handelt sich immer nur um Abschätzungen, anhand der Schätzwerte für die jeweiligen Bauteil-Lebensdauern unter festgelegten Bedingungen. Da diese starken Streuungen (meist gaußsche Normalverteilung) unterliegt, muss die Dimensionierung so erfolgen, dass im Worst-Case-Fall die vom Hersteller gewünschte Mindestlebensdauer mit bestimmter Wahrscheinlichkeit erreicht wird. Im typischen Streufall ist die Lebensdauer dann aber erheblich grösser, auch wenn der Käufer das Gerät bei niedrigeren Temperaturen betreibt als erlaubt, die Nutzungsintensität reduziert usw.
        Baut der Hersteller aber einen Betriebsstundenzähler ein, der das Gerät nach einer bestimmten Nutzungsdauer ausser Betrieb setzt (geplante Obsoleszenz) hat der Käufer keinerlei Einfluss mehr. Vielmehr wird er vom Hersteller betrogen, da diese festgelegte Benutzungsdauer nicht Teil des Kaufvertrages ist, und der Käufer davon ausgehen musste, dass die Lebensdauer nicht künstlich begrenzt ist.
        Außerdem konnte er unterstellen, dass das Gerät reparabel ist, was im genannten Beispiel nicht der Fall wäre, wenn die Rücksetzung des Zählers verhindert (oder unwirtschaftlich) ist.
        So wie bei der Sicherheit des Gerätes sollte der Käufer bei der Qualität eines Gerätes einen "Stand von Wissenschaft und Technik" unterstellen dürfen, nachdem das Gerät gefertigt wurde, und der dann die mit vertretbaren Aufwand realisierbare Maximallebensdauer darstellen würde.
        Die wirtschaftliche Herstellung muss unter hoher Qualität im übrigen keinesfalls leiden, da Ersatzbeschaffung keinesfalls nur auf Ausfall beruht, sondern sehr oft auf Innovation, größerer Wirtschaftlichkeit etc.
        Ob ein amerikanischer Smartphone und Computerhersteller bei jeder Geräteneuvorstellung so hohe Verkaufszahlen erreichen würde, wenn die Geräte eben nicht auch qualitativ hochwertig wären, darf bezweifelt werden. Der hohe Wiederverkaufswert der Geräte mildert die Kaufpreisbelastung für die Käufer der Neugeräte, die teilweise sonst von einem Kauf absehen würden, und ermöglicht einkommensschwächeren Käufern, sich an einem qualitativ hochwertigen Gebrauchtgerät noch jahrelang zu erfreuen. Ich bezweifele daher, dass die Neugeräte sich nur annähernd so gut verkaufen würden, wenn feststände, dass sie nach zwei Jahren definitiv defekt sind.
        Bei Produkten im Industriebereich erwarten die Kunden sogar in der Regel lange (zugesicherte) Lebensdauern, und darüber hinaus kompatible Ersatzteil-Bereitstellung. Da letztere für die Hersteller aufgrund von Bauteilabkündigungen nicht leicht zu gewährleisten ist, und Einlagerung teuer ist, ist hier eine hohe Produktqualität sehr wichtig. Die Produkte werden dann meistens nicht aufgrund von Ausfall, sondern eher deshalb getauscht, weil sie technisch veraltet sind, und/oder neue Produkte wirtschaftlich vorteilhafter zu betreiben sind.
        Ich persönlich halte es so, dass ich einen Hersteller, der mich einmal in der Produktqualität enttäuscht hat, wenn irgendwie möglich in Zukunft komplett meide. Das heißt natürlich nicht, dass ich unbegrenzte Lebensdauer erwarte, aber "angemessen" sollte sie schon sein.


      • Alter Falter, Michael, du solltest hier als Autor tätig werden. Endlich mal Anspruch in den Texten! Daumen hoch!

        Auch im letzten Absatz finde ich mich wieder, ich handhabe das ebenfalls so. Boykottieren wer es nicht anders verdient hat.


    • Super geschrieben!

      :)


  • Seid ihr jetzt echt so behindert und habt diesen Artikel geschrieben? OMG hatte mich jetzt aber DAS...

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