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Google News und die Angst vor dem Algorithmus

Führt Google News in eine Meinungsdiktatur? Wird Journalismus wertlose Ware und Einheitsbrei? Wir waren dabei, als der Chef von Google News mit einem Raum voller Journalisten kollidierte. Das kam dabei heraus.

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Hat Google News den globalen Journalismus fest in seinen Tentakeln? Oder ist alles am Ende nur nostalgische Angst? / © ChameleonsEye/ shutterstock/Google/ANDROIDPIT

Wenn ein hochrangiger Google-Offizieller auf einer Bühne mit alten und jungen Journalisten sitzt, dann muss Interessantes passieren, denn gerade in Deutschland grassiert die Google-Skepsis, zumindest in der breiten Bevölkerung, teilweise aber auch in den Medien. Was gestern Abend in Googles Berlin-Büro jedoch recht schnell klar wurde: Google hat in erster Linie ein Generationsproblem.

Das zeigte sich in den verschiedenen Fragen, mit denen Google-News-Chef Richard Gingras konfrontiert wurde. Eines hatten sie alle gemeinsam: Sorgen und Ängste, die durch Google News ausgelöst oder auf es projiziert werden. Doch diese Ängste waren systematisch unterschiedlich. 

Die Newcomer: Google als Ressource

Auf der Bühne saßen unter anderem zwei unabhängige Journalisten um die 30, beide versiert in den verschiedenen Medien, von Text über Radio und TV bis hin zu YouTube und dem Internet allgemein. Obwohl sie sich offensichtlich als systemkritisch verstanden, waren ihre an Gingras gerichteten Sorgen identisch: "Wie kann ich in Google News ranken?". Sie sehen den Dienst, der wöchentlich eine Milliarde Suchergebnisse innerhalb von Google News ausliefert und mehrfach täglich 65.000 Nachrichtenquellen auf anzeigbare Inhalte überprüft, als Werkzeug, als Ressource für ihre Arbeit, von der sie profitieren wollen.

Die alte Garde: Google als Antagonist

Die traditionellen Journalisten in ihren 40ern und 50ern im Raum hatten andere Sorgen: "Release the algorithm!", war die reflexartige Forderung des selbsternannten Big-Data-Journalisten. 

"Haben die News ein Monetarisierungsproblem?" (also: "Wie können wir Geld machen?),
fragte der DPA-Redakteur.

 "Wie soll Google News die journalistische Ethik in Inhalten erkennen und reflektieren?", fragte der etablierte Altrevoluzer und Medien-Pionier.

"Wird der Google-News-Algorithmus uns Journalisten ersetzen?", so die Sorge des ZDF-Redakteurs.

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Legt Google News den Journalismus Fesseln an? / © ChameleonsEye/shutterstock/Google/ANDROIDPIT

Die Angst vor Google News

Sie alle betrachten Google kritisch. Ihre Ängste wurden recht deutlich: Google News könnte käuflich sein oder anderweitig Schindluder mit der hierarchischen Anzeige der News-Inhalte treiben. Google News könnte die Arbeit der Journalisten zur brotlosen Kunst und Ware degradieren, mit der sich kein Geld mehr verdienen lässt. Google News könnte den Journalismus korrumpieren, da seine Algorithmen ethisches Verhalten der Journalisten nicht erkennen und goutieren. Und die Krone: Googles Algorithmen könnten so gut werden, dass sie die Nachrichten selber schreiben und Journalisten obsolet machen. Als Ressource betrachtete den Google-Dienst hier kaum jemand, und wenn, dann nur widerwillig.

Was steckt hinter Google News?

Was hatte Richard Gingras dazu zu sagen? Betrachten wir die größte Angst, Google News könne den Nachrichten-Journalismus übernehmen. Fakt ist: Google News stellt nicht einen Journalisten ein. Agenda Setting ist keines seiner wirtschaftlichen Interessen. Seine Arbeit liegt in der Organisation von Chaos (dem Internet und seinem Überangebot an Inhalten), dem Liefern genau der Suchergebnisse, die der Nutzer verlangt. Im Prinzip ist Google im Geschäft des Gedankenlesens, nicht des Gedankeneinpflanzens.

Was ist mit der Transparenz der konkreten Ranking-Algorithmen? Die Sorge ist hier völlig berechtigt. Dass diese nicht öffentlich sind und es keine einfachen Checklisten für Google News gibt, ist jedoch nicht nur negativ. Was würde es für den Journalismus, der faktisch bereits jetzt in Zwängen der Suchmaschinenoptimierung (SEO) gefangen ist, bedeuten, wenn jeder genau wüsste, was er tun muss, um in Google zu ranken? 

Transparenz: ein zweischneidiges Schwert

Google wäre paralysiert, das Organisationssystem, das ja nicht nur Ordnung ins Chaos bringt, sondern auch hochwertige von minderwertigen Inhalten trennt, wäre hinfällig und der Journalismus endgültig zu leblosem Einheitsbrei degradiert. Ganz so schlimm ist es noch nicht, aber auch nur, weil wir alle teils im Dunkeln stochern und nicht ganz genau wissen, wie Google tickt. Ein gewisser Grad an Unwissenheit ist notwendig, damit Google die Dienste, von denen wir alle durchaus abhängig sind, überhaupt leisten kann und damit Vielfalt in den Medien nicht völlig ausstirbt. Übrigens: Google News ist nicht käuflich. Da müssen wir nicht Richard Gingras beim Wort nehmen; das beweisen die angezeigten Suchergebnisse immer wieder. AndroidPIT ist oft genug ganz oben in den Google News, Geld ist da jedoch nie geflossen. Mehr noch: Wenn das ginge, könnten wir uns unsere journalistische Arbeit erheblich leichter machen und hätten tagtäglich bedeutend weniger Stress. Doch so läuft es nicht.

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Wohin geht die Reise im Journalismus in einem Google-dominierten Internet? / © Viktor Gladkov/ shutterstock/ANDROIDPIT

Es gibt allerdings einen Punkt, der uns allen Sorgen machen sollte: Qualität und journalistische Ethik. Richard Gingras gab unumwunden zu, dass seine Algorithmen hier noch nicht ausreichen. Sie erkennen, worum es sich in einem Artikel dreht, sie erkennen auch in Ansätzen, ob er gut recherchiert ist oder nicht. Auf welchem Weg dies nun aber geschah, ob die Inhalte originell oder zusammengeklaut sind, also durchaus wichtige Kriterien zum Messen von Qualität - all das erfassen sie noch nicht und können dieses Aspekte in ihrem erstellten Ranking also nicht berücksichtigen.

Zudem hat Google News eine ungewollte Macht, denn es muss nach gewissen Kriterien gut von schlecht trennen, letztlich hierarchisieren. Während diese Kriterien, wie weiter oben erklärt, nicht zu transparent sein dürfen, da dies das gesamte System untergraben würde, besteht hier jedoch auch die Gefahr, dass Google journalistische Qualität ungewollt definiert und wir mit der Definition womöglich nicht einverstanden sind, jedoch nichts dagegen tun können. 

Wer definiert "gut" und "schlecht"?

Ist ein News-Artikel nur dann gut, wenn er eine Nutzerfrage algorithmisch erfassbar beantwortet und somit eine klare Dienstleistung bietet? Was ist mit dem reinen Aufwerfen von Fragen, dem Stimulieren von Diskurs? Hat das nicht auch einen Wert? Was ist mit Länge und Ausführlichkeit, Quantität vs. Qualität? Nur, weil ein Artikel viel gelesen und über soziale Kanäle geteilt beziehungsweise von andere Publikationen zitiert wird, muss er nicht gut sein, das Gegenteil kann gar der Fall sein. Und ist ein News-Artikel nur dann hoch im Ranking, wenn er schnell veröffentlicht wurde? Schnelligkeit mag im Nachrichtenjournalismus wichtig sein, jedoch verträgt sie sich nicht immer mit Qualität. Hier gibt es echte Gefahren in der Definition von journalistischer Qualität, deren Lösung entweder über die Fähigkeit von Algorithmen hinausgeht oder einen Grad an Technologie erfordert, von dem wir noch zu weit entfernt sind.
 
In diesem Punkt muss auch Richard Gingras mit den Schultern zucken und aktuell Ignoranz eingestehen. Doch dabei darf es nicht bleiben, denn dieses Problem betrifft jeden, der lesen kann. Journalismus vs. Algorithmus - Das muss kein Konflikt sein, kann es aber ganz schnell werden.

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