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Google Glass und die Angst vor der Zukunft

Noch dieses Jahr soll Googles Project Glass auf den Markt kommen. Schon jetzt gibt es hitzige Debatten über Potentiale und Risiken der visionären Datenbrille. Was wird sich durch sie ändern? Und was muss Google tun, damit Glass ein Erfolg wird?

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“Wearable computing” ist der Begriff, der mit Googles Project Glass Einzug in unser aller Leben halten soll. “Mobil” reicht also nicht mehr. “Tragbar” (im Sinne von Kleidung) soll es künftig sein. Googles Vision ist es, jedes ablenkende Element - wie zum Beispiel ein Smartphone oder Tablet - zu entfernen und uns direkt in eine “augmented reality” zu integrieren.

Noch im Jahr 2013 soll die revolutionäre Datenbrille auf den Markt kommen. Die Entwicklervariante wird mit einem Preis von etwa 1.500 Dollar nicht gerade erschwinglich sein. Gleichzeitig stellt es aber die womöglich größte Innovation seit dem Smartphone dar und sorgt jetzt schon für Aufsehen. Um Glass gesellschaftsfähig zu machen, gibt es bereits Pläne, die Datenbrille auch in verschiedenen Designs und in Kombination mit Sonnenbrillen anzubieten.

Mit den Fakten zur verbauten Technik hält sich Google bislang zurück. Wie bereits berichtet wissen wir aber, dass keine Kopfhörer nötig sein werden, weil die Tonübertragung via Vibration auf die Schädelknochen stattfinden wird. Da Google einen Antrag bei der FCC (der amerikanischen Zulassungsbehörde für Kommunikationsgeräte) gestellt hat, wissen wir auch, dass Glass entweder über WLAN 802.11 b/g oder Bluetooth 4.0 Verbindung zu anderen Geräten wird aufnehmen können



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Fällt auf: Der klobige Aufsatz outet den Träger als Datenbrillen-Nutzer. / © Google

Was sind die sozialen Implikationen?

Mindestens genau so spannend wie die technischen Fragen sind aber die Fragen danach, wie Project Glass unseren Alltag verändern könnte und was die sozialen Auswirkungen sein werden. Das beginnt bei ganz trivialen Fragen wie dieser: Wenn jetzt in Bus und Bahn immer mehr Menschen auf ihre Smartphones starren, wo starren wir dann mit der Brille auf der Nase hin, wenn uns der Gegenstand fehlt? Auf den Boden? An die Decke? Oder starren wir ganz schamlos einander vermeintlich an, während wir eigentlich den integrierten Bildschirm betrachten?

Und wie sieht es in Sachen Sprachkontrolle in der Öffentlichkeit aus? Wer hat es nicht schon beobachtet: Jemand telefoniert via Kopfhörer und Mikrofon, hält sich das Handy aber trotzdem an den Mund. Die Scham, als Selbstgespräche führender Geistesgestörter wahrgenommen zu werden, scheint noch groß. Mit Project Glass würde der Schatten über den Ihr springen müsstet noch mal deutlich größer. Denn auch wenn die Brille erst mal deutlich sichtbar sein wird - was sich sicher auch mit der Zeit ändern würde -, ob Ihr sie nun tatsächlich gerade nutzt oder doch Selbstgespräche führt oder sinnlose, merkwürdige Gesten durchführt, sieht von außen niemand.

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Glass-Nutzer oder Freak: Wenn dieser Typ auf offener Straße Gespräche spricht, dann wissen wir nicht, ob er Selbstgespräche führt oder mit anderen telefoniert. / © Google

Und erinnert Ihr Euch noch daran, wie das Handy und vor allem das Smartphone verteufelt wurden, weil es das gute alte Face-to-Face-Gespräch angeblich verdränge? Project Glass wird erst recht mit solchen Bedenken konfrontiert sein. Als ich einst bei der Arbeit einem Kollegen eine Frage stellte, schickte er mir statt einer verbalen Antwort einen link zu “lass mich das für dich googlen”. Mit anderen Worten: “Wieso fragst du mich das? Das hättest du doch mit wenigen Klicks selber herausfinden können”. Was wird sich derjenige, der die direkte Interaktion dem Googlen vorzieht, erst anhören müssen, wenn er fast jede Frage mit einem simplen Sprachkommando an Project Glass beantworten kann und nicht einmal mehr eine Tastatur bedienen muss?

Die Hauptsorge bezüglich Glass hat allerdings mit der Privatsphäre zu tun. So gab es bereits Fälle, in denen Lokalbesitzer vorsorglich das Tragen der Brille in ihren Räumlichkeiten verboten haben, um ihre Kunden zu schützen. Und das sind keine trivialen Bedenken. Wie sieht es mit dem Recht am eigenen Bild aus? Heimliche Videoaufnahmen oder Fotos sind mit einem Augenzwinkern möglich, insbesondere, wenn die Sprachkontrolle durch die bereits angedachte, lautlose Lastertastatur ergänzt wird. Der Angriff der Datenschützer auf soziale Plattformen wie Google+ und Facebook würde sich vermutlich sofort auf Glass konzentrieren und sogar noch verschärfen.

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Die Welt durch die Datenbrille: So sieht Google Glass aus Nutzersicht aus. / © Google

Wovon hängt Googles Erfolg ab?

Ob Project Glass einschlägt wie eine Bombe, wird wohl von verschiedenen Faktoren abhängen, denn es gibt natürlich viele Bedenken und Ängste, so wie es bei jeder visionären Technologie der Fall ist. Dabei klingt der Begriff “augmented reality”, “erweiterte Realität”, im Grunde revolutionärer als er eigentlich ist. Seit Hunderten von Jahren “erweitert” der Mensch bereits seine Realität, in dem er sein Wissen und die Technologien die er nutzt, ständig erweitert. Dafür müsste man nur die Lebenswelt eines antiken Römers mit der eines Menschen des 21. Jahrhunderts vergleichen.

Wieso sollte diese Entwicklung also nicht weiter gehen? Ob ich mir zusätzliche Informationen über meine Umwelt vom Bildschirm meines Smartphones hole oder in Echtzeit auf die Netzaut projiziert bekomme - wo ist der fundamentale Unterschied? Wenn ich zu viel habe, kann ich eine Brille genau so abnehmen, wie ich ein Smartphone wegstecken kann. Die Angst, dass wir uns nicht mehr von einer derart tief in unser Leben integrierten Technologie frei machen können, halte ich für überzogen. Trotzdem wird Google beim Verkaufsstart einen Spagat machen müssen zwischen dem revolutionär Neuen, das Glass bringt, und der vertrauten Tradition, in der es nur einen weiteren Schritt darstellt.

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Praktisches Potential hat Google Glass ganz ohne Zweifel. Es erlaubt Euch beispielsweise Fotos zu machen, Videos aufzunehmen, Dinge zu zu googlen, Videotelefonie zu betreiben oder Wegbeschreibungen anzeigen zu lassen - alles, ohne das, was Ihr gerade tut, nennenswert zu unterbrechen. Voreilige Panik ist da fehl am Platz. 

Dennoch: Google wird die Bedenken der Kritiker ernstnehmen und ihnen etwas entgegensetzen müssen, gerade in Sachen Privatsphäre. Sonst wird selbst die spannendste und vielversprechendste Technologie es schwer haben, sich durchzusetzen. Wie es aber am Beispiel von Street View zu sehen ist, ist das eine durchaus lösbare Aufgabe.


Link zum Video

(Fotos: Google)

Quelle: The Verge

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40 Kommentare

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  • Wegen dem Problem mit dem heimlichen fotografieren/filmen könnte man doch, genau wie bei Webcams, eine LED einbauen, die immer leuchtet wenn die Kamera aktiv ist.
    Und wenn man sie parallel oder seriell zur Stromversorgung der Kamera schaltet, dann lässt sich die Funktion zumindest nicht softwareseitig raus hacken.

  • Klasse Artikel. Auch ich bin von der Brille begeistert. Auf der anderen Seite habe ich ein wenig Bauchweh wegen der Privatsphäre anderer.

    Ein großer Schritt nach vorne wäre eine Abdeckung, die sich über die Kameralinse schiebt, wenn man diese nicht nutzt...

  • unglaublich toll!!! :))
    die Möglichkeiten, wow :)
    Kanns kaum erwarten so ein Ding zu probieren.

    beim Abi setzte ich sie dann ein :D

  • Im Vergleich zum Smartphone ist die Datenschutzfrage wohl nicht unbedingt so relevant, man hat im Grunde dieselben Daten wie vorher. Aber wie sieht es mit dem Missbrauch aus? Skimming ist ja ein Traum mit dem Ding. Am besten den Kamerabefehl am Handy auslösen damit man keine Sprachsteuerung benutzen muss und los gehts.
    Ein Amok-Läufer ist unterwegs, Google wird kontaktiert und die Bilder der Polizei zugeschaltet, hunderte Perspektiven der Sachlage.

    Mensch, freu ich mich auf den ersten Spam den man nach 5 Sekunden direkt vor dem Auge überspringen darf. Vielleicht noch ein erschreckendes Pop-Up während der Autofahrt, nur weil Autoscout einem gerade die neusten Angebote zuschickt...

    Die Alltagstauglichkeit für die Geräte ist noch lange nicht da, sicher würde ich sowas auch testen, aber zu welchem Preis hat am Ende jeder so ein Ding auf der Nase...

  • Ich sorge mich eigentlich eher weniger um das Thema Datenschutz. Was mich allerdings immer wieder sorgt is die dann ununterbrochene Bestrahlung des Kopfes mit allen möglichen Arten von Strahlung, wie 3G, 4G, WLAN, Bluetooth. Ich kann mir nicht vorstellen das dies auf Dauer so gesund für das Hirn is.
    Auch die dauerhaft andere Fokussierung der Augen ist bestimmt auf Dauer stressig und sorgt für Kopfschmerzen.
    Google wird daran sicherlich auch gedacht haben, aber skeptisch bin ich da schon n bissl.
    Die Brille selber is allerdings schon sehr cool. Wird bestimmt nich lange dauern und es dreht sich um Dinge wie Auflösung und 3D :D

  • Ich bin eher gespannt, wann ich Glass in meine Brille integrieren kann ;)

  • @mario: ich glaube die Leute reden garnicht von bnd und Arbeitgeber. ich persönlich habe auch nichts dagegen, wenn bnd überwacht und der Arbeitgeber seine Kameras aufstellen. ist meiner Meinung nach auch sein gutes Recht. dann würden auch endlich einige anfangen zu arbeiten und nicht nur so tun.

    aber aus gründen des Konsums und unendlichen Gewinns finde ich es nicht gut, wenn ein Unternehmen seine Kunden ausspioniert. Schliesslich geht es dabei nicht um das Gemeinwohl.

  • An Aufregung um Barcodes kann ich mich nicht erinnern, wohl aber um RFID-Etiketten, und die ist m.E. nach wie vor berechtigt, zumindest was deren Verwendung in alltäglichen Produkten betrifft.

    Was die Brille angeht, denke ich, daß es ein Nischenprodukt für Freaks und Nerds bleiben wird und sich am Massenmarkt nicht durchsetzen wird. Ich sehe jetzt schon Leute vor Autos und Laternenpfähle rennen, weil sie sich auf die eingeblendeten Daten statt auf die Umwelt konzentriert haben...

    Übrigens, ist die Datenbrille eigentlich "kompatibel" mit optischen Brillen, d.h. können Brillenträger sie auch benutzen? Schien mir von der Abbildung her eher nicht so...

  • Ich muss einige hier wieder sprechen. Der Mensch, als Individuum, hat und wird immer den Anspruch auf Schutz seiner Intimität haben. Keiner will gläsern wahr genommen werden und von daher sind aussagen wie Datenschutz sind was für Spinner, nicht besonders bedacht. Und es ist gut, das es Menschen gibt, die darauf achten, die die Gefahr beim Namen nennen und darüber immer wieder diskutiert wird.

  • Ich finde die Bedenken persönlich auch ziemlich überholt. Heutzutage wird doch eh jeder der von Bombe oder Attentat schreibt, spricht oder simst vom BND überwacht. Fast jede Arbeitsstelle wird Videoüberwacht, Ämter haben fast alle freie Einsicht auf die Konten (oder können sich diese einholen).

    Die Zeiten des Datenschutzes sind schon längst vorbei und warum sollte ich mich dann einer Technologie versperren, die mein leben womöglich noch bereichern könnte?

    Ich sehe darin wirklich großes Potenzial! Man stelle sich nur bessere Navigation vor, ohne sich wie ein Kobold während der Fahrt nach vorne zum Navi bücken zu müssen.

    Schnellere Internetrecherche on the fly durchführen zu können sobald man etwas sieht.

    Sich direkt ohne Umwege, die Meinung eines Fachmannes holen zu können, während er sich das Problem sofort ansehen kann? Das verkürzt doch ungemein Wartezeiten, lässt ein Team noch produktiver werden. Durch so eine Technologie können sogar Heimarbeitsplätze noch besser ausgebaut werden etc.

    Mir fallen hunderte von guten Gründen für diese Form der Technologie ein, doch leider sehe ich schon die Realität vor mir, dass ein Haufen ängstlicher, verschrobener Datenschützer, Politik und Bürger dafür sorgen werden das sowas Zukunftsmusik bleiben wird.

  • ich denke wir müssen uns damit abfinden, dass es in Zukunft keine Privatsphäre mehr geben wird..
    aber das Video macht natürlich Bock auf so ein teil.
    mangelhafte Sprachsteuerung ist da aber ein großes Hindernis.
    ich könnte mit aber gut vorstellen, in ein paar Jahren mit so einem ding rum zu laufen - statt Handy.
    ich könnte mir auch gut vorstellen, dass es direkte Kontakte sogar wieder mehr geben wird, als zur alle starren auf ihr Smartphone Zeit heute.
    engen weil das nicht nötig ist und infos direkt eingeblendet werden.
    das hat hohes Potenzial!

  • Bedenken gibt's immer, ein Erfolg wird's trotzdem.

  • im Grossen und ganzen würde ich die Brille als bedenklich einstufen. alles und jeder wird beim gehen gefilmt und sofort verarbeitet. je mehr Leute diese Brille tragen, umso besser können die Menschen überwacht und analysiert werden. auch wenn jemand keine Brille auf hat, wird er automatisch von anderen Brillen erfasst und ausgewertet. somit kann von jeder Person, mit oder ohne Brille, ein Profil erstellt werden, wo wer wohnt, wann dieser aus dem Haus geht, einkaufen geht, was er an hat, mit wem er spricht, wie oft er weg geht, etc. das ist dann die perfekte Kontrolle in einer Zukunft, wo die Menschen von einem Unternehmen gelenkt werden. eine Zukunft, wo Menschen willenlose Wesen sind und keine freien Gedanken mehr besitzen, da sie diese direkt ins Gehirn eingespeisst bekommen. also was hat Google wirklich vor?

  • Erstmal abwarten was da überhaupt passiert, und ob der Hype nicht verpufft.

    Und zu den Ängsten: Die gibts mit jeder neuen Technologie.

    Wer erinnert sich noch an die Aufregung, als Barcodes auf Lebensmittelverpackungen und die entsprechenden Scanner eingeführt wurden ? "Totale Überwachung und der Gläserne Mensch" waren damals schon die Argumente, Aufruf zum Kaufboykott usw. usw. ...

  • Hey Leute,
    grundsätzlich halte ich den Verkaufsstart der Google Glasses immer noch für ein einschlagendes Event. Sollte es jedoch tatsächlich 1500$ kosten, wird es glaube ich nicht so wirklich ein Erfolg werden,
    Anfänglich hieß es, die Brille solle für rund 400-700$ in die Läden kommen, gerade um sie der breiten Bevölkerung zugänglich zu machen.
    Aber nun ja, wir werden sehen.
    Für den Preis kaufe ich sie auf jeden Fall nicht!

    Max

  • Ich Kauf mir die Brille wahrscheinlich.

  • Wobei bei den gestylten Bilder ich nie sicher bin was mir besser gefällt.... die Brille oder die Repräsentantinnen.

  • Da schließe ich mich "Zombie" an...
    eigentlich braucht man es nicht, aber es hat schon den "haben-will-status" zumindest bei mir siehts so aus.

  • Ich weiß sich jetzt nicht, ob der fremde mir gegenüber nicht grade ne winzige Kamera in der Brille, nen Knopfloch, theoretisch am Ohrring, etc hat. Und auch nicht ob ich nicht Testobjekt vom neuen Gadget meines Kollegen bin. Erinnert man sich. Wir hatten die gleiche Diskussion bei der Einführung der Kamera am Handy. Und damals hat jedes Gerät noch nen Zwangssound beim Auslösen gemacht. Denn kann man heute eigentlich immer deaktivieren. Und doch, befinde ich mich in normaler Umgebung juckt das potentielle keinen mehr. Erst wenn ich Entwicklungsabteilung xy betrete, hängen da Schilder die Handys verbieten, weil ne Cam drin sein könnte, zum Abhören genutzt, Datenspeicherung, etc..... und wir diskutieren nun, damit in 2 Jahren nen Schild mit ner Datenbrille daneben ist?

  • Wenn das Ding ne vernünftige Navi Software unterstützt, Tracking usw. und unter meinem Helm passt.............GEKAUFT!!!

    Braucht man sowas - nein
    Will man sowas - sofort :D

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