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So bringt Tel Avivs Tech-Szene Facebook in die entferntesten Ecken der Welt

So bringt Tel Avivs Tech-Szene Facebook in die entferntesten Ecken der Welt

Facebook Lite wurde 2015 ins Leben gerufen und ist eine App, die auf geringen Datenverbrauch hin optimiert ist, bei bestmöglicher Funktionalität. Die Technologie, die dies ermöglicht, stammt von Snaptu, einer israelischen Errungenschaft von Facebook. Wir waren in Tel Aviv und haben hinter die Kulissen geschaut.

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Facebook Lite hat sich in den vergangenen drei Jahren entwickelt und verbessert den Facebook-Zugang für hunderte Millionen von Menschen weltweit. Mehr als zwei Milliarden Menschen auf der ganzen Welt greifen über viele verschiedene mobile Geräte und aus verschiedenen Netzwerken auf Facebook zu. In vielen Gegenden sind die Mobilfunknetze langsam und die Nutzer deshalb nicht in der Lage, alle Funktionen von Facebook auf ihrem Mobilgerät mit der Standard-App aufzurufen. Deshalb wurde Facebook Lite ins Leben gerufen.

Die Idee dahinter war, auch den Menschen zuverlässig Zugriff auf das soziale Netzwerk zu bieten, die kein High-End-Gerät und kein breitbandiges Internet haben, was zum Beispiel in Schwellenländern oft der Fall ist. Deshalb wurde Facebook Lite genau für diese Märkte entwickelt.

Was genau meinen wir mit Schwellenländern im Bereich Technologie?

Schwellenländer oder englisch "Emerging Markets" wird als Begriff typischerweise verwendet, um Regionen der Welt zu beschreiben, in denen mit einem großen Wachstum gerechnet wird. In den meisten europäischen Staaten, darunter auch Deutschland, ist der Mobilfunkmarkt (trotz digitalem Nachholbedarf) gesättigt: Fast jeder besitzt ein Smartphone und hat Zugang zu ausreichend schnellem mobilen Internet. In Indien und den Philippinen, bzw. in den meisten Staaten Südamerikas und Afrikas sehen große Technologieunternehmen das Potenzial, noch viele neue Kunden zu erreichen. 2020 werden voraussichtlich 90 Prozent der neuen Mobilfunkanschlüsse in Schwellenländern aktiviert werden. Aktuell benutzen noch immer mehr als 50 Prozent der Menschen weltweit ein Gerät, das 2012 high-end war und somit jetzt als veraltet gilt. Also wie baut man eine Facebook-App für diese Leute?

Nicht falsch verstehen, die Entwicklung von Lite-Apps, die teilweise abwärtskompatibel bis hin zu Android Gingerbread (Version 2.3.) sind oder auch über GPRS/EDGE funktionieren, ist keine humanitäre Anstrengung. Die großen Unternehmen sehen vor allem das Wachstumspotenzial in wirtschaftlich schwachen, aber bevölkerungsreichen Märkten. Das bedeutet aber nicht, dass Verbraucher in Schwellenländern nicht glücklich sind, mit einem begrenzteren Datenbudget und schwächerer Hardware ein besseres Facebook-Erlebnis zu erhalten. Facebook Lite enthält aktuell die wichtigsten Funktionen von Facebook wie den News Feed, Status-Updates, Fotos, Benachrichtigungen und mehr.

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So sieht Facebook Lite 2019 aus. / © AndroidPIT

Facebook auf Diät

In Schwellenländern denken 70 Prozent der Nutzer darüber nach, wie groß eine App ist, bevor sie sie herunterladen. Das müssen wir in Europa eher seltener berücksichtigen. Ihr seht eine App im Google Play Store, könnt Rezensionen und Features überprüfen, aber achtet ihr auch auf die Größe des Downloads? Ich nur ganz selten. Für einige kann das Herunterladen und Installieren einer neuen App bedeuten, dass sie zum Beispiel einige ihrer Fotos und Videos löschen müssen, um Platz zu schaffen. Speicher ist für manche noch immer ein knappes Gut. Viele Anwender in Schwellenländern laden deshalb Apps nicht klassisch (aus einem Store) herunter, sondern verteilen sie untereinander per Peer-to-Peer (zum Beispiel via Bluetooth von einem Gerät zum andern). Datenverbrauch in diesen Ländern kann sehr teuer sein und das manuelle Kopieren von Apps untereinander kostet dagegen nichts.

Ein Beispiel: Google sagt, dass eine Reduzierung der App-Download-Größe in Stufen von 6 MB eine pro Stufe um 1% steigende Installationsrate der App auf Nutzerseite bedeutet. Eine weitere Voraussetzung für Facebook Lite ist das Unterschreiten der 100-MB-Grenze für Downloads im Google Play Store, wenn man im Mobilfunknetz und nicht im WLAN ist, 

Die Entwicklung einer Lite App bedeutet nicht nur, die apk-Datei kleiner zu machen. Die gesamte Infrastruktur der App ist unterschiedlich. Die Grundidee ist, dass Lite im Wesentlichen ein sehr schlanker Client ist und der Großteil auf dem Facebook-Server stattfindet und von dort abgerufen wird. Jedes Mal, wenn Facebook Lite geladen wird, muss es sich mit dem Server verbinden. Die Informationen, Bilder und Beiträge, die der Nutzer auf seinem mobilen Gerät abruft, werden Häppchenweise vom Server geladen.

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Dekel Naar hat 50% seiner Arbeitsgespräche mit Bots / © AndroidPIT

Nicht jede Funktion, die die Standard-App von Facebook bietet, landet auch in der Lite-App. Die Entwickler müssen sich sehr genau an Obergrenzen für die Dateigröße der App halten. Es ist ein schier endloser Prozess von Optimierungen. Das Hinzufügen der Animationen von Reactions kann beispielsweise x-KB kosten und gleichzeitig muss abgewogen werden, wie wichtig etwas für den Nutzer am Ende wirklich ist. Alltag für die Jungs und Mädels in Tel Aviv.

Dekel Naar, Principle Engineer bei Facebook Lite, erklärt mir, wie er und sein Team mit Hilfe von Bots Berechnungen vornehmen. Er selbst schätzt, dass tatsächlich 50 Prozent der "Gespräche", die er führt, solche mit Bots sind. Und inhaltlich geht es darum, wie viel das Hinzufügen von neuem Code ihn an Speicher kosten wird. Zwei Versionen der App können automatisch erstellt und verglichen werden, um die Auswirkungen der Änderungen zu bewerten.

Es ist diese ständige Mikroverwaltung jedes einzelnen Bytes des verwendeten Codes, die Facebook Lite möglich macht.

Warum Tel Aviv und warum ist Israel ein Tech-Hub?

Mobile Anwendungen sind zu einem der zentralen Motoren in der israelischen Startup-Szene geworden. In den vergangenen Jahren wurden für Übernahmen israelischer Unternehmen in diesem Bereich mehr als 2,6 Milliarden Dollar hingeblättert. Insbesondere global agierende Riesen wie Google, Intel und Facebook zählen zu den Investoren. Schlagzeilen machte Google zum Beispiel 2013, als das Unternehmen 966 Millionen Dollar für Waze zahlte. Der Deal ist nach wie vor die drittgrößte Akquise Googles im Bereich Digitale Medien.

Facebook hat seine dritte Übernahme in Israel im Oktober 2013 durchgeführt, als man das von Guy Rosen und Roi Tiger gegründete Startup Onavo für mobile Datenanalyse und Datenoptimierung aufkaufte. Nach der Übernahme von Onavo hat Facebook im selben Monat ein israelisches Entwicklungszentrum eröffnet. Dieses Engineering Center ist eines von nur zwei seiner Art außerhalb der USA - das andere steht in Großbritannien, in London. Zuvor hatte Facebook zwei andere israelischen Unternehmen, Face.com und Snaptu, übernommen. Heute gibt es insgesamt fünf israelische Firmen in Facebook-Händen.

Während unseres Besuchs konzentrieren sich die Facebook-Teams in Israel hauptsächlich auf Konnektivität und Lite-Interfaces, wie eben Facebook Lite und Express Wi-Fi. Rund 200 Mitarbeiter arbeiten in einem neuen Büro, das im September 2018 im Azrieli Sarona Tower eröffnet wurde. Weitere Mieter sind Amazon und PayPal. Im wesentlichen ein großer Tech-Tower.

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Das schicke Büro von Facebook in Tel Aviv, Israel / © AndroidPIT

Heute gibt es im israelischen Startup-Bereich etwa 6.000 Unternehmen. Jedes Jahr werden an die 1.500 neue gegründet, fast genau so viele machen wieder dicht. Aber warum gibt es in diesem relativ kleinen Land so viele Technologie-Talente? Maayan Sarig, Head of Communications für Facebook in Israel, erklärte, dass die Förderung schon in der Armee beginnt. In Israel werden Wehrpflichtige oft an Computer gesetzt, lernen zu programmieren und studieren Informatik. "Die israelische Armee ist voller Nerds", so Sarig.

Warren Buffet sagte einmal, "Wenn Sie nach technischen Innovationen im Nahen Osten suchen, ist Israel genau der richtige Ort für Sie." Es ist schwer, dagegen zu argumentieren, wenn man sich die aktuelle Lage genauer ansieht: Software-Ingenieure sind die wahren Rockstars von Tel Aviv, und die großen Technologieunternehmen kämpfen alle um die besten Talente.

Für ein Land ohne natürliche Ressourcen und fossile Brennstoffe in Form von Bodenschätzen, musste Israel aus der Not etwas schaffen, Innovation wird als Entwicklungsmotor der Wirtschaft verstanden und hier entsprechend gefördert.

Ich bin gespannt, mehr über Tech in Tel Aviv zu erfahren, also setze ich mich mit Yuval Kesten, Director of Engineering für Facebook Lite, zusammen, um darüber zu sprechen, wie die Zukunft der App-Entwicklung aussieht. Wird 5G die Kluft zwischen den etablierten und den Schwellenländern vergrößern? Sind progressive Web-Apps die Zukunft? Und werden wir bald personalisierte Apps verwenden, die auf unsere eigenen Bedürfnisse und auf unser Nutzungsverhalten zugeschnitten sein müssen? Die Antworten gibt's demnächst hier.

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6 Kommentare

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  • Israel du meinst England? Von wem wurden die gegründet?


  • C. F.
    • Blogger
    vor 2 Wochen Link zum Kommentar

    "Wir waren in Tel Aviv und haben hinter die Kulissen geschaut."

    Diese Kosten kann ich in eurer momentanen Situation echt nicht verstehen.


    • Nicht?
      Man muss Geld in die Hand nehmen um Geld zu machen.
      Was ist da wohl das Wichtigste auf einer kostenlos verfügbaren Techseite?

      Interessante Artikel. Außerdem ist so n Economy Flug nach Israel nicht wirklich teuer.

      Ich finde die Start Up Szene in Tel Aviv beeindruckend und der Staat macht hier viel richtig auch was die finanzielle Unterstützung angeht. Als eine der größten Start Up Szenen der Welt sollte sie eine Art Vorbild für die Deutsche/n sein.
      Scheint aber irgendwie doch eher Wunschdenken zu sein.

      (über andere politische Entscheidungen Israels kann man dann schon eher den Kopf schütteln, aber das ist hier nicht das Thema).


      • C. F.
        • Blogger
        vor 2 Wochen Link zum Kommentar

        Nein. Ich wäre da eher mal zu "wire" rüber gegangen und hätte einen Artikel über die derzeit grassierenden Gerüchte gebracht.


    • David war im Rahmen einer Pressereise dort zu Gast. Für AndroidPIT sind dabei keine zusätzlichen Kosten entstanden. Ähnlich einer Produktvorstellung, wie kürzlich beim Motorola Razr. Hier nur mit einer anderen Perspektive und keinem akuten Event.

      Der gerne damit verbundene Vorwurf "Ihr lasst euch doch kaufen" steht dann oft mit im Raum. Hier können wir nur versichern, dass wir die Texte unbeeinflusst schreiben, maximal werden Zitate nochmal bestätigt. Ohne solche Pressereisen lässt sich eine thematisch ausgewogene Berichterstattung, wie wir sie mit eben solchen Reportagen anstreben, nur sehr schwer bewerkstelligen - und ja, sie wäre dann auch teuer bis unbezahlbar für kleinere Medien.


  • Damit Facebook auch da anfangen kann mit der Spionage. Sind wohl nicht zufrieden mit dem was die haben?!!

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