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Kommentar 6 Min Lesezeit 95 Kommentare

EU will den Wegwerf-Smartphones an den Kragen

Fest verklebte Akkus und überteuerte Ersatzdisplays machen Smartphone-Reparaturen so kompliziert, dass sie sich für den Verbraucher kaum noch lohnen. Dank geplanter Obsoleszenz werden viele Geräte nach einem bestimmten Zeitpunkt unbrauchbar, so die Vermutung. Ohne Chance auf Reparatur wird der Kunde dann zum Neukauf gezwungen. Das EU-Parlament hat endlich beschlossen, diese Umweltsünde zu beenden.

Die EU-Kommission ist bekannt für die Einführung neuer Gütesiegel, die dann auf den Verpackungen unserer Konsumprodukte auftauchen. Das EU-Parlament hat jetzt eines vorgeschlagen, vor dem sich Samsung, Huawei, Sony und viele andere Smartphone-Hersteller vielleicht fürchten werden. Es soll "insbesondere die Lebensdauer, das Ökodesign, die Nachrüstbarkeit entsprechend dem technischen Fortschritt und die Reparierbarkeit der Produkte umfassen", heißt es in der Pressemitteilung zur Plenartagung am 4. Juli 2017.

Nachdem eine Eurobarometer-Erhebung aus dem Jahr 2014 ergeben habe, dass 77 Prozent der Verbraucher in der EU ihre Produkte lieber reparieren ließen als neue zu kaufen, sah das EU-Parlament Handlungsbedarf. Sämtliche Punkte in dem Bericht ließen mich aufatmen: "Endlich tun die was", sage ich mir. Gehen wir die Punkte durch und schauen, wo die EU konkret ansetzen könnte und wie das Ganze umgesetzt aussehen könnte.

"Reparaturkosten sind abschreckend hoch"

Exakt! 350 Euro für ein neues Display im Galaxy S7 sind lächerlich. Die Entwicklung der Smartphones ist, was die Reparierbarkeit angeht, geradezu absurd geworden. Fest verbaute Akkus hier, Glas auf Vorder- und Rückseite dort, fehlende Software-Updates da... Wie konnte es so weit kommen? Jeder beschwert sich und niemand tut etwas dagegen. Sieht denn niemand, wie unglaublich falsch das ist?

"Der Kundendienst ist unzureichend"

Nach wenigen Jahren ist Schluss mit Ersatz. Dann findet man nur noch Teile im Amazon Marketplace oder auf eBay, teilweise importiert aus Lagern im Ausland und mit Mega-Ökobilanz billig eingeflogen.

"Verbraucher sollten die Möglichkeit haben, Erzeugnisse unabhängiger Anbieter reparieren zu lassen"

Der Typ von der Werkstatt um die Ecke zuckt heute oft nur mit den Schultern und erklärt Euch, dass er die Ersatzteile zwar besorgen kann, sich die Reparatur aber nicht mehr lohnt. Denn er weiß: Bald geht eh das nächste Teil kaputt. Und da kommen wir zum nächsten Punkt:

"Geplante Obsoleszenz"

Das Parlament schlug vor, eine EU-weite Definition von „geplanter Obsoleszenz” zu finden. Außerdem will man ein System etablieren, "mit dem getestet werden könnte, ob Produkte geplante Obsoleszenz aufweisen". Und damit nicht genug: Herstellern sollen „abschreckende Maßnahmen“ drohen, falls sie erwischt werden.

Der Spiegel berichtete schon im Februar 2016 über eine passenden Studie. Demnach gebe es zwar keine geplante Obsoleszenz, da Hersteller nicht "absichtlich Schwachstellen in Geräte einbauen." Sie kalkulieren jedoch, "wie lange ein Gerät voraussichtlich im Gebrauch sein wird." Gleichzeitig kennen sie den Verschleiß der verbauten Teile und wählen beziehungsweise spezifizieren sie genau so, dass sie gerade dafür ausreichen.

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Beim Fairphone 2 könnt Ihr easy Display und Akku tauschen. / © ANDROIDPIT

Im Fall eines Smartphones ist der deutlichste Schwachpunkt der Akku. Dieser hat diverse von Verschleiß betroffene Komponenten. Würde man ihre Betriebsspannung senken, ließe sich die Lebensdauer insgesamt verlängern. Doch durch genaue Festlegung, welche Spannung einer 100-Prozent-Ladung entspricht, kann der Hersteller indirekt die Lebensdauer schon am ersten Tag treffsicher definieren.

Ich habe ein Samsung-Laptop zuhause, dessen maximale Ladung des Akkus ich im BIOS auf 80 Prozent reduzieren kann. Das fünf Jahre alte Gerät läuft so noch heute rund zwei Stunden (80 auf Null Prozent) ohne Netzstrom. Falls der Akku eines Tages doch den Geist aufgeben sollte, schaue ich jedoch in die Röhre, da Samsung keinen Ersatz liefern wird und ich den fest verbauten Akku nicht ohne Fachmann austauschen kann. Da der Fachmann meines Vertrauens demnächst in Rente geht, werde ich sowieso aufgeschmissen sein.

Das Reparieren muss einfacher werden

Die Mitglieder des EU-Parlaments sind zuversichtlich, dass es wieder mehr solcher Fachleute geben wird. Und ihnen soll das Handwerk erleichtert werden. Verklebte Akkus, kaum verfügbare Displays oder unnötig komplexe Module sollen dann der Vergangenheit angehören: "Ersatzteile, die unerlässlich sind, damit ein Gerät einwandfrei funktioniert und sicher ist", sollen für einen "angemessenen Zeitraum" verfügbar sein, heißt es in dem Beschluss.

Spannende weitere Unterpunkte betreffen den Nachdruck von Teilen mit 3D-Druckern, den offenen Handel mit gebrauchten Ersatzteilen und das Ende lizenzgebundener Reparaturen: Jeder Händler soll alles reparieren dürfen.

"[Es sollte] die Möglichkeit gewährleistet sein[...], Produkte von unabhängigen Anbietern reparieren zu lassen, und dass daher beispielsweise technischen Lösungen, Sicherheitsvorkehrungen und Softwarelösungen entgegengewirkt werden sollte, die dazu führen, dass Reparaturen nur von zugelassenen Unternehmen oder Stellen ausgeführt werden können."

Es gibt auch einen Abschnitt zur "Software-Obsoleszenz". Hier regt das Parlament an, "dass [...] die Hersteller [einen] Mindestzeitraum [nennen], in dem für Betriebssysteme Sicherheitsaktualisierungen bereitgestellt werden." Außerdem sollen Downgrades möglich werden. dies wird viele iPhone-Kunden erfreuen, die sich oft über Leistungseinbußen nach einem bestimmten Update ärgern und Kalkül dahinter vermuten.

Meine Hoffnungen für die Smartphones

Falls die nationalen Gesetzgeber die neuen Vorschläge in scharfe Gesetze gießen, könnte dies starke Auswirkungen auf das Design von Smartphones haben. Dabei kann den Ländern egal sein, wo die Geräte herkommen, denn der Beschluss bezieht sich auf die "von ihnen hergestellten oder eingeführten Produkte."

  • Der austauschbare Akku kommt zurück.
  • Die Display-Reparatur lohnt sich wieder.
  • Wir wissen schon beim Kauf, wie lange wir das Gerät zuverlässig verwenden werden können.
  • Die neue Werkstatt um die Ecke wird mein Gerät bestimmt reparieren können.

Und auch die Art der Ersatzteile wird sich verändern. Vielleicht verwenden die Hersteller dann Akkus, die in alle Smartphones passen. Wenn ich mir ansehe, wie ähnlich die Geräte in ihren Abmessungen sind, kann ich mir gut vorstellen, dass man mit fünf unterschiedlichen Akku-Typen alle Marken bedienen könnte. Bei Laptops würden vielleicht drei Größen ausreichen. Und für den Wechsel muss ich das Gerät nicht zur Lizenzwerkstatt schicken, da ich den Akku wieder selbst austauschen kann.

Ich bin mir recht sicher, dass Geräte daraufhin teurer werden müssen. Das ist kurzfristig unerfreulich, hat aber langfristig zur Folge, dass die Produkte erheblich besser werden. Wenn ich mein Smartphone vier Jahre lang benutzen kann, und es im vierten Jahr noch gut funktioniert und Sicherheitsupdates bekommt, werde ich nicht traurig sein, dass es 30 Prozent teurer war als ein Smartphone, bei dem nach rund zwei Jahren schon der Akku schlapp macht und der Hersteller schon nach 18 Monaten keine Sicherheitslücken mehr schließt. Oder seht Ihr das anders?

Wie verfolgen das Thema weiter und werden mit unterschiedlichen Herstellern und Werkstätten über das Thema sprechen. Wenn Ihr konkrete Fragen dazu habt, hinterlasst gerne einen Kommentar und wir werden unser Netzwerk bemühen, um entsprechende Antworten zu finden.

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Top-Kommentare der Community

  • Mr. Android 08.07.2017

    Ich würde mich freuen wenn Wechselakkus sowie langer Support wieder an der Tagesordnung sind! 🔋

    Würde auch über den Play Store Updates die nach den 2x Jahren Support programmiert werden kostenpflichtig beziehen und 20 EUR für OS Versionen zahlen 💶📱

    Aber leider werden die Hersteller dies nicht mitmachen... Schließlich lohnt es sich mehr Elektroschrott zu produzieren, anstatt alte Geräte zu supporten!!! 😡😤😥

  • U. Müller 06.07.2017

    So sehr ich diese Entwicklung auch begrüße, man darf nicht vergessen, dass das Smartphone zu einem nicht unerheblichen Anteil auch ein "Lifestyle" Produkt ist.
    So kommt es vielen gar nicht darauf an, dass dieses Teil länger als 2 Jahre hält.
    Schlimmer, einigen Zeitgenossen beginnt just der Hoden zu schrumpeln, wenn sie statt des neuen S9++ noch das "alte" S8+ anfassen müssen.
    Denn immerhin kann das auf dem Mars als Wassersucher benutzt werden! Ach, er kommt nie auf den Mars?
    Egal, aber er könnte...

    Das einzig Sinnvolle wäre dann, das der von mir in einem anderen Topic eingeforderte Aftersales Support funktionieren könnte.
    Ich könnte ein 3 Jahre altes gebrauchtes HTC U13 kaufen und mit neuem Akku und neuem Glas ein Smartie besitzen, dass einen wesentlich geringeren ökologischen Fußabdruck hinterlässt und dennoch ein richtig guter Begleiter für die nächsten 3 Jahre ist. Wobei man sich dann im klaren sein muss, auch die Gebrauchtwarenpreise werden dann klettern. Nicht nur durch den höheren Einstandspreis, auch durch die Gewissheit dass man das Teil nicht für den Kübel kauft weil einfach gewährleistet ist, dass viele Verschleißteile durch überschaubaren Aufwand in "quasi-neu" Qualität zu ersetzen sind.
    Das weiß auch der Verkäufer.

  • René H. 07.07.2017

    Ich kann mir nicht vorstellen dass das etwas bringen würde. Viele gute Smartphones werden dann erst garnicht in die EU kommen. Und es wird dann wieder viele Schlupflöcher geben. Wir sehen ja wie wir bei Biosiegeln betrogen und/oder angelogen werden. Das Selbe auch bei den CE-Kennzeichnungen, die kann sich jeder Hersteller auf seine Produkte kleben ohne dass es jemals geprüft wird.

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  • Und der lange Atem solcher Beschlüsse wird sich auch verlieren


  • Sehr guter Ansatz. Hoffentlich wird das schnell und Konsequent umgesetzt.


  • Was soll ich mit nem device, was vielleicht 10 Jahre hält?
    Mann holt sich doch eh mindestens einmal im Jahr n Neues .....
    Klar nutzt man dann noch n paar von den Alten ne Weile, aber hey, mann kanns auch übertreiben .... die Entwicklung geht nun mal rasant weiter.
    Und ich denke, man will zumindest immer im vorderen Drittel mitspielen, sonst macht das ja nicht wirklich Spaß!


    • nicht jeder holt jedes jahr ein neues, wie kommst du auf sowas, was du machst kannst du nicht auf andere ableiten. und wenn nichts gutes kommt was man für sich will oder braucht, bleibt man solange auf sein altes bis was neues raus kommt, wo man sagt das ist es. Und wir reden nicht von 10 Jahren sonder von 3 bis 5 und wenn es 10 Jahre werden, dann soll es so sein. Wie alt ist dein PC fast du ein hast?


  • Noch teurer? Die Preise sind doch jetzt schon unverschämt.


  • Die EU in dieser Form ist eigentlich nicht weiter tragbar. Abschaffung des Bargelds , Verwandlung in einen Ze zentralistischen Superstaat und auxh das hier und noch einiges mehr sollte eigentlich Massenproteste auslösen, aber leider ist es so vielen egal


    • nicht alles ist schlecht, z.b wie das hier. Was hast du dagegen wenn die Hersteller die so bauen müssen das es einfacher ist zu reparieren?


  • EU und Gesetze. Bald kommen weg werf Autos Akku ist teuer als das Elektro Auto was macht EU dann 😁😁😁😁😁


    • Das ist erst mal kein aktuelles Thema, erst wenn die Autos da sind, aber das wird wohl noch dauern. Jetzt ist erst mal das smartphone aktuell und wichtig das was gemacht wird. Ein nach dem andern, Rom wurde auch nicht am einen tag gebaut.


  • Sowas sollten sie auch noch bei Fahrzeugen einführen.


    • Lieber nicht egal was da fahre ich sofort zu Werkstatt. Bspw Bremsen, Airbag, Querlenker usw die anderen Sachen KANN MAN auch selber machen Dank YouTube aber trotzdem Werkstatt rettet leben


  • Ich würde mich freuen wenn Wechselakkus sowie langer Support wieder an der Tagesordnung sind! 🔋

    Würde auch über den Play Store Updates die nach den 2x Jahren Support programmiert werden kostenpflichtig beziehen und 20 EUR für OS Versionen zahlen 💶📱

    Aber leider werden die Hersteller dies nicht mitmachen... Schließlich lohnt es sich mehr Elektroschrott zu produzieren, anstatt alte Geräte zu supporten!!! 😡😤😥


    • Das mit den "kostenpflichtigen" updates mache ich schon. Wenn die custom-ROM Entwickler eine neue Hauptversion für meine Geräte rausbringen, dann spende ich denen. Habe mich da auf 25,00 EUR festgelegt; dafür vermeide ich Schrott und spare die Kosten für ein Neugerät - zumal aktuell ja kaum noch Geräte mit Wechselakku am Start sind.


  • Wenn das alles so kommt, vergeht einigen hier das Lachen. Ich habe öfters mal gesagt das der Wechsel Akku wieder kommen wird, einige lachten mich aus und behaupteten das wird nie passieren. Die Leute wird wohl das Lachen vergehen und selber einsehen wie kurzsichtig sie waren und ich fange an zu lachen😁


    • Das ist der der ultimative Grund warum Leuten das Lachen im Halse stecken bleibt - der Wechselakku für Smartphones. Das sie dich ausgelacht haben, werden sie ihr Leben lang bereuen!😢


  • Guter Artikel, ich hoffe das diese aufgezählten Punkte auch so kommen!


  • Zitat:"Außerdem sollen Downgrades möglich werden. dies wird viele iPhone-Kunden erfreuen, die sich oft über Leistungseinbußen nach einem bestimmten Update ärgern und Kalkül dahinter vermuten."

    Hähä, das ist mir genauso passiert, bis eines schönen Tages selbst das Aufklappen eines Menüs bei meinem iPhone G3 so lange dauerte wie bei Win 3.1 auf einem 286er mit rund 0,003 GHz Taktfrequenz! Das war der Zeitpunkt, wo ich zu Android wechselte.

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