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Der erste Schritt zur Telepathie? Die Maschine, die 'Gedanken liest'

Gedankenlesen

(Bild: lolpix.com)

Ok, die Überschrift ist so nicht ganz richtig, deshalb habe ich das "Gedankenlesen" auch in Anführungszeichen gesetzte. Die Sache ist nämlich nicht ganz so einfach. Dennoch: Bin nur ich es, oder spielt die Wissenschaft gerade verrückt? Oder spielt sie generell immer verrückt? Als ich das folgende Thema bei unserem morgendlichen Redaktionsmeeting ansprach, entfachte ich damit gleich eine heiße Diskussion. Um was geht es? Wissenschaftler haben es geschafft, mit Hilfe einer "telephatischen Maschine" Gehirnaktivitäten zu übersetzen und so Sprachaufzeichnungen daraus zu rekonstruieren. 

Zufällig höre ich gerade in diesem Moment die derzeitige O2 Werbung im Online-Radio: "Willkommen in den Gedanken von O2“. Ein gruseliger Zufall. Oder wurden da etwa schon direkt meine Gedanken gelesen und dementsprechend die passende Werbung per Online-Radio geschaltet? Eine grauenhafte Vorstellung, aber gar nicht so unabwegig, wenn man sich den neuesten Erfolg der Wissenschaftler an der University of California, Berkeley anschaut.

Wie kann man sich das vorstellen? Eine Maschine, die Gedanken lesen kann? Gibt es das wirklich? Die Antwort lautet „Jein“, denn ein klares "Nein" fällt mir hier sehr schwer.

Einer der zuständigen Wissenschaftler, Brian Pasley, wagt einen Erklärungsversuch, der auch Nicht-Wissenschaftlern den Vorgang etwas näher bringen soll: "Wenn ein Pianist im Fernsehen sehen würde, wie ein Klavier gespielt wird, ohne dabei den Ton des TV-Gerätes zu hören, könnte dieser sich trotzdem ausmalen, wie die gespielte Musik klingt, da er genau weiß, welche Taste welche Note spielt". Fast analoges dazu hat sein Team mit Gehirnwellen gemacht, wobei neurale Bereiche mit korrespondierenden Geräuschen abgeglichen wurden.

Oder anders: Wenn jeman anderes oder man sich selbst einen Satz vorliest, ist es wahrscheinlich, dass man diesen Satz auch in seinem eigenen Kopf hört. Und genau diese Aktivität ist es, die Wissenschaftler gerade aufgezeichnet und übersetzt haben. Das Ergebnis ist zwar noch ziemlich schwammig, aber wenn man sich das Hörbeispiel anhört, ist es doch ziemlich erschreckend (und verstörend) wie nahe dieses erste Ergebnis dem Original kommt.


Hier das Hörbeispiel im Video:

(Videolink)
Das erste Wort ist das von der Wissenschaftlerin gesprochene, die zwei folgenden sind jeweils zwei verschiedene rekonstruierte Versionen aus dem Gehirn der Patienten.

Wie genau das Gehirn Sprache in bedeutsame Informationen konvertiert, bleibt noch ein Rätsel. Die grundlegende Idee ist allerdings, dass der Klang von Worten sensorische Neuronen aktiviert, die ihrerseits diese Information an verschiedene Bereiche des Gehirns übermittelt, wo diese verschiedene Aspekte des Klangs extrahiert werden und von uns als Sprache wahrgenommen werden. Für Brian Pasley und sein Team bildete dies die Grundlage, um herauszufinden, ob es im Gehirn Orte gibt, an den die wichtigsten Teile einer Sprache extrahiert werden.

Der Praxistest:

Um Klang aus dem Gehirn aufzunehmen, sind Elektroden notwendig. Und diese müssen angebracht werden. Dazu haben sich 15 freiwillige Patienten gefunden, die sowieso Operationen an ihrem Kopf (wegen Epilepsie oder aufgrund eine Gehirntumors hatten). Diesen wurden die Elektroden an einem Bereich im Gehirn nahe dem Ohr (an der Oberfläche des Gyrus temporalis medius und am Gyrus temporalis superior, wo sich das Wernicke-Sprachzentrum befindet, das wichtig für das Sprachverständnis ist) angebracht. Dann wurden den Patienten verschiedene Sätze und Worte vorgelesen. Aus den entstandenen Aufzeichnungen versuchte Pasleys Team zu rekonstruieren, welche Aspekte der Sprache zu welcher Art von Gehirnaktivität gehören.

Jeder Klang besteht aus verschiedenen Frequenzen, die im Hirn verschiedene Bereiche von Neuronen ansprechen. So können Pasleys Wissenschaftler identifizieren, welche Bereiche für welche Frequenzen zuständig sind. Ist also ein bestimmter Neuronenbereich bei einem bestimmten Ton aktiv, können wir davon ausgehen, dass die entsprechende Frequenz in diesem Ton enthalten ist", so Pasley.

Puh, so viel Wissenschaft am frühen Morgen. Um den Klang letzten Endes dann zu rekonstruieren, sind verschiedene programmierte Algorithmen notwendig, die die Aufzeichnungen in ein Spektogramm umwandeln. Ein weiteres Programm wandelt diese visuelle Darstellung dann in Ton um. Das Ergebnis hört ihr oben.

Ja, die ganze Sache ist noch ein ganzes Stück entfernt von tatsächlichem Gedankenlesen. Denn was hier gehört wird ist das, was die Patienten im Gehirn "gehört" haben. Und selbst die Beispiele im Video zeigen eigentlich nur bei drei Worten eine deutliche Ähnlichkeit mit dem Gesagten (nämlich die Worte "Waldo", "Structure" und "Doubt").

Laut Steven Laureys von der Université de Liège in Belgien werden bei der mentalen Darstellung ähnliche Netzwerke im Hirn aktiviert, wie bei der sensorischen Verarbeitung. Und deshalb soll es dann also auch irgendwann möglich sein, eben einfach nur gedachte Worte direkt aufzuzeichnen, zu verarbeiten und zu übersetzen. Ein Klang, wie bei den oben beschriebenen Versuchen, wäre dadruch überflüssig. Gedankenlesen also.

Auch wenn es noch weit weg klingt, ein Zukunftsausblick, in der wir E-Mails, SMS und mehr nicht mehr schreiben, sondern diese einfach nur noch denken, rückt damit wesentlich näher. Jan Schnupp von der Universität Oxford ist zwar der Meinung, dass wir noch weit davon entfernt sind, dass unsere Gedanken gelesen werden, doch sein Hauptgrund liegt darin, dass nur wenige Menschen mit Hirnoperationen solche Elektroden/Geräte implantiert bekommen. Und auch Pasley ist sich nicht sicher, ob sie es schaffen werden, Sprache aus reinen Gedanken zu extrahieren. Hoffen tut er es aber defintiv.

Ich muss sagen, dass mich solche Entwicklungen einerseits absolut faszinieren, andererseits total erschrecken. Die Technologie geht soweit, dass wir unsere eigenen Genome auswerten lassen können, wir kontrollieren Spiele auf Smartphones mit den Augen, steuern Computer mit unseren Gedanken und mehr. Wir lösen uns zumindest theoretisch immer mehr von unserem Körper und dringen immer weiter in das bisher Ungreifbare unseres Gehirns ein, um so möglichst jedes Geheimnis, jedes Unbekannte, jedes Rätsel zu erklären. Ich weiß: Das ist die Aufgabe der Forschung und der fundamentalste Grund für Wissenschaftler, überhaupt zu arbeiten, aber sind es nicht gerade auch diese Geheimnisse und Rätsel, die den Mensch zum Menschen machen? Wollen wir wirklich irgendwann die Möglichkeit haben, tatsächlich Gedanken lesen zu können?

Was haltet Ihr von solchen Entwicklungen? Wo seht Ihr die Gefahren, den Nutzen? Bitte nicht? Oder eher: ich kann es kaum erwarten? Wir sind gespannt auf Eure Gedanken.

Quelle: NewScientist

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13 Kommentare

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  • Ich krig da echt Angst...
    Man ist ja heute leider nurnoch in seinen Gedanken frei...
    Damit wird dem auch langsam aber sicher ein Ende gesetzt...
    Stellt euch doch mal eine Gedanken-ACTA vor...
    Grauenhaft!

  • Wie bei total recall, der Film mit dem ex kalifornischen Senator aus Österreich =)

  • Diese Forschung erlaubt viele Krankheiten von einer ganz anderen Seite anzupacken.
    Dies ist der Fortschritt und er ist wunderschön, doch es ist zu erwarten, auch dies wird missbraucht.
    Bald laufen wir in Helmen wie bei Magneto, ansonsten kriegt man direkte gedankenbezogene Werbung.
    Es ist auch anzunehmen, dass dies ein Weg in 2 Richtungen ist. Kann ich downloaden, kann ich uploaden?! Wissen ohne Lernen? Kauft unser Buch und dazu die Errinerungseinheit mit Videokommentaren und motorischem Einfluss, einmal gekauft nie vergessen. 5 Berufe in 5 Wochen, kommen Sie zu uns zur Freien Universität, nur bei uns staatlich anerkannte Alleswisser)))

  • Na dann sollte sich samsung oder google mal schnell das patent sichern, sonst ist apple mal wieder schneller und heulen dann wieder herum, wenn sie es kopieren und dann verklagt werden....lach!! :-))

  • Nützlich wiederum wäre solche Technik für Menschen, die aufgrund Krankheit oder Unfall nicht mehr kommunizieren können.

    Oder auch für blinde und gehörlose Menschen.

    Stephen W. Hawking ist da ein gutes Beispiel. Mithilfe seines Sprachcomputers hat er es geschafft, weiterhin zu forschen und sogar mehrere Bücher zu schreiben. Er leidet an ALS.

    Für solche Menschen wäre dieser Fortschritt der Technik im Sinne der vereinfachten Kommunikationsmöglichkeit ein Segen.

    Die Kehrseite der Medaille ist, sobald es diese Technik gibt kann sie auch von anderen verwendet werden. Und da evtl nicht unbedingt zum Wohle der Allgemeinheit...

  • Ich finde das ganz interessant. Gerade wenn man sich dann eventuell Musik auch einfach denken könnte und die dabei Aufgenommen wird.
    Dann währen Konzerte aber doch recht uninteressant. Man guckt einem Menschen auf der Bühne zu, der sich gerade ein paar Gedanken macht.

    Ich hoffe aber, dass die die Technick so weiter entwickeln, dass man sich nichts mehr in den Kopf einpflanzen lassen muss.
    Ich kenne zumindest ein ähnliches Projekt, wo die Gehirnströme mit Elektroden auslesen, die AM und nicht IM Kopf sind.
    http://emotiv.com/store/hardware/epoc-bci/epoc-neuroheadset/
    Damit kann man aber auch nur simple Gedanken auslesen wie "drücken", "ziehen", "drehen", usw und man kann Emotionen (zB: Angst oder Nervosität) und die Mimik auslesen.

    Aber ich finde es auch ein bisschen unheimlich. An Guantanamo hab ich gerade auch schon gedacht.
    Man kann zwar nur die bewusst gedachten Sätze auslesen, mit irgendwelchen Psychotricks (wovon die in Guantanamo genug haben) kriegen die einen aber sicher irgendwie dazu an etwas bestimmtes zu denken.
    Und vor allem ist es wichtig, dass wir nicht irgendwann mit dratlosen Implantaten im Kopf rumlaufen. Dann könnte man zum Beispiel in Ampeln und anderen Sachen wo viele Leute oft vorbei laufen, Lesegeräte unterbringen, die im Vorbeigehen unsere Gedanken scannen.

  • Die Gedanken waren frei....

  • Achtung - lang und ausufernd!

    Gesprochenes Wort ist meiner Meinung nach nicht unbedingt gedachtes Wort bzw. gedachte Inhalte.

    Unser Denken mischt sich ja in erster Linie durch Erfahrungen, Erinnerungen, bildliche Assoziationen und wir haben gelernt, es in Sprache auszudrücken, um diese Inhalte in - sozusagen - universeller Art und Weise, nämlich dem Ausdruck über die Sprache, weiterzugeben, um diese Inhalte mit anderen zu teilen, Bedürfnisse äussern zu können usw usw.

    Was in eben diesem Experiment nicht mit berücksichtigt wird, ist der Zugriff auf unseren Hippocampus und den Mandelkern, auch Amygdala genannt.

    Es reicht nicht aus, über Hirnströme zu erkennen welche Töne das Hirn erkannt oder gedeutet hat.
    Gedanken werden wohl nicht unbedingt dort "produziert" wo auditive Eindrücke verarbeitet werden.

    Bei Angstpatienten weiss man, dass viele Einflüsse des Denkens und Ergo des Handeln durch die Amygdala gesteuert werden. Da bestehen dominante falsche Verknüpfungen, die zu falschen, nämlich angstvollen Schlüssen führen. Doch das zu erklären ginge hier weit.
    Ich weiss aber leider was das bedeutet.

    Ja - es ist ein spannendes Thema aber auch ein heisses Eisen. Es sollte Grenzen geben. Und meine Meinung ist, die sollte man hier eindeutig ziehen.

    Emails und SMS direkt in den Kopf leiten usw... Nee, ohne mich. Dann doch lieber sauber ausgefeilte Sprachsteuerung, Gestenerkennung ala Kinect und was es sonst noch alles geben könnte.
    Mein Hirn gehört mir.

  • Passt doch ins neue Timeline von Facebbok? Das Profil wird dann bei Geburt eines Menschen automatisch erstellt und durch Gedankenextrahierung das Leben automatisch aufgezeichnet und in die Timeline hochgeladen xD

  • ich sehe hier die große Gefahr das man Verhöre irgendwann durch eine solche Technologie auf ein ganz anderes Maß hebt. Insbesondere wenn es um Staaten geht die nicht sonderlich zimperlich mit Disidenten umgehen (China, USA siehe guantanamo, ...)

  • Naja, das mit den Bildern ist gar nicht so abwegig: Das hier geht ja so in die Richtung: http://www.golem.de/1109/86643.html

  • das fänd ich auch cool, wenn man bilder extrahieren und darstellbar machen kann :) aber das wird denk ich mal noch etwas (viiiiiiel) länger dauern...^^

  • Wer weiß, vielleicht kann man sich in einigen jahrzehnten oder hunderten seine Träume der letzten Woche anschauen?

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Alles klar!