
"Google schreckt die Märkte" - so titelte tagesschau.de heute den Absturz der Google-Aktie gestern an den Börsen. Fast zehn Prozent wurde der Titel in die Tiefe gerissen. Der Grund: Analysten waren enttäuscht von den Geschäftszahlen des vierten Quartals. Mich selbst hat sowohl der Titel des Artikels, als auch die Tatsache, dass Google eine - wohlgemerkt aus meiner ganz eigenen Sicht - aktuell richtige Geschäftspolitik praktiziert, zur Frage bewegt, ob die Börse überhaupt noch weiss was sie da tut.
Zahlen von Google sind durchaus sehenswert
Die Zahlen, die Google den Märkten präsentierte, waren dabei gar nicht so schlecht. Immerhin konnte sich der Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um satte 25% verbessern lassen und wurde mit 10,6 Milliarden Dollar angegeben. Und selbst der Quartalsgewinn stieg von 2,54 Milliarden Dollar auf 2,71 Milliarden Dollar. Wohlgemerkt: In einem Quartal!
Analysten: Gewinn ist nicht hoch genug
Zu wenig, urteilten die meisten Analysten laut Tagesschau. Man hatte hier mit einem Reingewinn von mindestens drei Milliarden Dollar gerechnet. Und zwar auch deshalb, weil Google im dritten Quartal 2011 einen Gewinn von 2,7 Milliarden Dollar erwirtschaftet hatte, und dieser damit genauso hoch war, wie eben der des vierten Quartals, in dem historisch gesehen eigentlich die höchsten Umsätze und Gewinne fließen müssten.
Was also war passiert? Zum Einen, so meint tagesschau.de, leide Google unter der unsicheren Entwicklung in Europa, aber auch unter den gestiegenen Kosten. Moment - unsichere Entwicklung in Europa, als auch die gestiegenen Kosten lassen Google leiden? Von einem Leidensdruck ist aus meiner ganz eigenen Sicht doch gar nichts zu erkennen. Welches Unternehmen in der Größenordnung von Google kann denn sonst einen Umsatzsprung von 25% innerhalb eines Jahres vermelden? Und überhaupt: Warum leidet Google unter gestiegenen Kosten? Das liest sich für mich so, als würde Larry Page täglich heulend vor seinen Geschäftsberichten sitzen und sich überlegen müssen, wie er seine Ausgaben in den Griff bekommen kann, um so sein Unternehmen - und natürlich vor allem seine Aktionäre - vor dem sicheren Ruin zu bewahren.
Gewinne schrumpfen in Wahrheit wegen hoher Investitionen in die Zukunft
Was zwar auch im Artikel steht, aber fast schon wie eine Randnotiz wirkt, ist die Tatsache, dass Google kräftig in die Zukunft investiert. Und dass eben dies sehr viel Geld kostet. Die Ausgaben vom Internetkonzern stiegen innerhalb eines Jahres von 2,51 Milliarden Dollar auf 3,38 Milliarden. Das ist ein echter Batzen Geld. Die Frage ist aber, wofür das Geld denn aufgewendet wurde.
Da wäre zum Einen die Rechenzentren und sonstige Infrastruktur, die mit 951 Millionen zu Buche schlagen. Es sind aber auch andere Investitionen in Android, Google+ und auch das neue Liefergeschäft von Google, mit dem man amazon zukünftig Konkurrenz machen möchte. Hierzu wird ein schnelles Liefersystem benötigt, für dessen Aufbau aber natürlich einiges an Geld benötigt wird.
Es war immer die Forderung der Börse und Analysten gewesen, dass sich das Google-Management auf die Suche nach alternativen Geschäftsmodellen zum klassischen Bereich "Werbung im Such-Kontext" macht. Lange Zeit schien dies ein unmögliches Unterfangen zu sein. Die Vorstöße, die Google aber gerade seit 2011 mit Google+, Google TV, Google Wallet und anderen Dingen unternommen hat, erscheinen durchaus erfolgversprechend.
Und mehr noch: Würde Google hier nicht investieren, wäre der mittel- bis langfristige Erfolg - oder gar das Überleben - des Unternehmens durchaus fraglich. Immerhin drängen mit Microsoft oder Facebook Konkurrenten auf den Google-Heimatmarkt, die durchaus Potential hätten dem Giganten das Wasser abzugraben.
Wachstum von Google+ enttäuscht Analysten. Wirklich??
"Gleichzeitig kommt das im Sommer gestartete Online-Netzwerk Google+ nur mühsam voran" - so schreibt tagesschau.de und geht damit offensichtlich auf die Meinung einiger Analysten ein. Google-Chef Larry Page hatte zuvor angegeben, dass das eigene soziale Netzwerk von mittlerweile rund 90 Millionen Mitgliedern genutzt würde. 50 Millionen davon würden es gar täglich nutzen. Und dann fügt der Autor den Satz hinzu: "Facebook hat mehr als 800 Millionen Mitglieder".
Lasst uns doch kurz mal miteinander rechnen: Google+ hat seine Pforten am 28. Juni 2011 erstmals geöffnet. Es sei angemerkt, dass der Zugang zum Service wochenlang begrenzt wurde, und damit eine freie Anmeldung nicht ohne weiteres möglich war. Das bedeutet, das soziale Netzwerk von Google ist erst seit rund einem halben Jahr auf dem Markt. Ich persönlich würde behaupten, dass 15.000.000 neue Mitglieder pro Monat durchaus als Erfolg gewertet werden können, nein, sollten. Immerhin gewinnt die Anzahl an Neuregistrierungen, als auch der aktiven Nutzer ständig an Fahrt. Die Wachstumskurve bei Facebook war schließlich auch nicht linear und die 800 Millionen Mitglieder konnten nicht binnen eines Jahres gewonnen werden.
Analysten sind zu kurzfristig orientiert - und haben wahrscheinlich oft zu wenig Ahnung von der Industrie
Woher kommt dann eine solche Einschätzung von Analysten? Immerhin sollten diese es doch besser wissen. Sie sind es, die maßgeblich Kurse beeinflussen können und dies auch - wie in diesem Beispiel - offensichtlich tun. Eine finale Einschätzung ist schwer. Die Bandbreite dürfte hier von Unwissenheit bishin zu Eigeninteressen reichen.
Es wird aber wohl eine Mischung sein. Eine Mischung aus Opportunisten, die weniger die Nachhaltigkeit des Unternehmens, als vielmehr den kurzfristigen Gewinn im Blick haben und denjenigen, die sich nicht ausreichend genug mit der Komplexität des Geschäfts auseinandersetzen, um dann am Ende objektiv solche Zahlen beurteilen zu können.
Es wird Google und auch Larry Page nicht umbringen, dass die Google-Aktie so in die Tiefe gerauscht ist. Obwohl es schon beachtlich ist, was gestern an virtuellem Wert vernichtet wurde. Wir reden hier immerhin darüber, dass Google heute rund 12 Milliarden Euro weniger wert ist, als noch vorgestern. Zwölf Milliarden sieht übrigens so aus, wenn man es ausschreibt:
12.000.000.000

Nein, es wird niemanden umbringen. Und wahrscheinlich erholt sich der Kurs auch ganz schnell wieder, bevor dann kein Hahn mehr danach kräht. Und, ja, wir können natürlich auch schon grundsätzlich darüber streiten, ob es gerechtfertigt ist, dass Google mehr als drei Mal so viel wert ist, wie die Daimler AG.
Es ist die Panik, basierend auf für mich nicht nachvollziehbaren Fakten, die mich nachdenklich macht. Denn ich selbst würde behaupten, dass Google in ein bis zwei Jahren so gut dastehen wird, wie niemals zuvor in seiner Geschichte. Warum dann dieser imposante Kurssturz?
Es kann sein, dass ich mich täusche und zu optimistisch bin. Oder es ist so, dass die Börse zu viel in zu kurzer Zeit erwartet. Bleibt dann aber die Frage:
Warum konnte der Kurs vorher so hoch steigen? Vielleicht hat die Börse einfach gar keine Ahnung. Oder ich. Aber wer weiß das schon...?

Alessandro
Pure Psychologie - Apple schießt durch die Decke wegen guter iPublicity, Google stürzt ab weil sie keine Werbung machen.
90% aller Menschen sind Lemminge