
Ich schreibe diese Überschrift - und irgendwie ahne ich, dass ich wahrscheinlich bald eines Besseren belehrt werde. Das Galaxy Nexus wird sicherlich ein überaus erfolgreiches Gerät werden. Zumindest sehen es alle Experten so, die sich mit dem Markt beschäftigen. Und bis vor Kurzem wäre ich wohl auch überzeugt gewesen, dass die Google-Phone-Reihe doch endlich mal aus seinem Dornröschenschlaf wachgeküsst werden müsste und alle Menschen hinter dem Nexus dann das sehen könnten, was es eigentlich ist: Pures Android mit toller Eleganz.
Zu dick aufgetragen? Vielleicht. Dennoch ist die Frage doch berechtigt, warum sich die ersten zwei Nexen - das Nexus One, sowie das Nexus S - nicht so richtig verkaufen ließen. Um Euch die Verkaufsmisere des Nexus One noch einmal ins Gedächtnis zu rufen: Das erste Android Phone von Google verkaufte sich in den ersten Wochen nur 20.000 Mal, während beispielsweise das Motorola Droid damals im gleichen Zeitraum über 250.000 Mal über die Ladentheke wanderte. Schon damals erwähnte ich im Blogbeitrag den etwas seltsamen Vertriebsweg, den Google für seine Nexus-Reihe gewählt hatte.
Ein eigener Vertriebsweg für die Nexus-Reihe
Google hatte sich nämlich etwas ganz besonderes für seine Nexus-Reihe ausgedacht. Das Nexus One sollte zumindest in den USA exklusiv über das Internet und einen eigenen Webshop vertrieben werden. Das war sehr mutig. Immerhin werden heute die meisten Geräte über die Mobilfunk-Provider verkauft. Diese mieten sich schon seit Jahren großflächig in den Elektronikmärkten ein und bieten uns Kunden dort ihre tollen, neuen Vertragsinnovationen an. Als Gegenleistung erhalten wir dann unsere Wunschgeräte für lau, oder zumindest für deutlich weniger Geld, mit dazu. Das Problem an diesem Konzept ist, dass die Kosten hierfür immens sein dürften. Immerhin belagern die Provider und ihre Verkäufer teilweise gigantische Flächen in den Media-Märkten. Teure Fläche, die wir Kunden dann am Ende zahlen müssen.
Es hatte aus meiner damaligen Sicht durchaus Sinn gemacht, dass Google hier interveniert und die bestehende Wertschöpfungskette verschlankt, indem man den vergleichsweise teuren Vertriebsweg im Handel umschifft hätte. Die Idee hörte sich mutig, aber grundsätzlich nicht schlecht an. Die Konsequenz wäre gewesen, dass Smartphones mittelfristig günstiger würden. Denn es ist ja ein Trugschluss zu glauben, man würde ein Smartphone geschenkt bekommen, wenn man stolz mit neuem Mobilfunk-Vertrag und Wunsch-Telefon in der Tasche aus dem Saturn latscht. Natürlich sind die hohen Kosten für die Flächen und die Subvention des Telefons in den monatlichen Gebühren eingepreist.
Mein Gedanke war also überspitzt formuliert, dass sich Google also die hohen Kosten vorknöpfen möchte und uns, den einfachen Bürgern, in Robin-Hood-ähnlicher Manier beistehen und uns mit einer alternativen Vertriebsform beglücken will. Unabhängig davon, dass der ganze Store nicht sauber durchdacht und auch zunächst nur für Menschen aus den USA zugänglich war, hat Google den Mut relativ rasch verlassen. Der Webshop wurde wieder komplett geschlossen. Der Versuch war nach nur wenigen Wochen für gescheitert erklärt worden.
Ich habe diesen Blick in die Vergangenheit an den Anfang meiner Thesen gestellt, damit auch diejenigen Leser, die noch nicht seit Anfang 2010 dabei sind auf eine Wissensstufe gehoben werden. Denn eben diese Fakten zum Onlineshop und dem eigenen Vertriebsweg werden später noch einmal wichtig.
Die Google-Nexus-Reihe - Sowohl von der Hardware, als auch bei der Software allen eine Nasenlänge voraus
Vielleicht fragt sich der Eine oder Andere, warum man als Suchmaschinenanbieter überhaupt ein eigenes Telefon auf den Markt bringen muss. Die Frage wäre berechtigt. Wirtschaftliche Aspekte können nur schlecht dahinter stecken. Immerhin tritt man bei Google nicht als Hersteller, sondern nur als Brand auf. Und man nimmt jedes Mal billigend in Kauf, dass die Nachfrage im Vergleich zu anderen Geräten vergleichsweise gering ist. Für das Unternehmen aus Mountain View geht es bei den Nexen eher darum zu zeigen, was alles mit Android möglich ist. Um es auf Neudeutsch auszudrücken: Ein Showcase sozusagen.
Dabei geht man immer genauso vor: Man sucht sich einen Hardware-Hersteller als Partner. Beim nächsten Gerät aus der Reihe, dem Galaxy Nexus, ist es Samsung. In das Gerät wird dann State-of-the-Hardware verbaut. Als Betriebssystem kommt natürlich immer Android zur Anwendung - und zwar in seiner reinen, nicht abgewandelten Form. Andere Hersteller verändern an der Software nämlich in der Regel allerhand, um es auf deren Bedürfnisse anzupassen. Die Konsequenz ist, dass Besitzer dieser Mobiltelefone entweder sehr lange auf Updates warten müssen, oder im schlechtesten Fall gar nie bekommen. Mit einer puren Android-Version, wie sie alle Nexus-Smartphones eben haben, braucht man nicht warten. Sobald eine neue Android-Version veröffentlicht wird, kann man sich als Nexus-User relativ sicher sein, dass man hier ebenfalls in den Genuss eines Updates gelangt.
1. Der Nexus-Brand ist nicht für die breite Masse
Und obwohl in Sachen Ausstattung bei den Nexen alles richtig gemacht wird, kann man mit solchen Geräten einfach nicht die Masse bewegen. Der Anstrich der Geräte ist eben immer ein wenig sehr technisch. Das ist per se sicherlich nicht schlecht. Nur lässt sich das natürlich dann schlecht in der Masse platzieren. Während HTC, Samsung & Co. mit großen Emotionen und viel Content à la Beats by Dr. Dre auf Kundenfang gehen, kommt Google eben sehr unaufgeregt um die Ecke. All das löst zumindest bei den echten Fans immer wieder Freudentaumel aus. Es reicht aber nicht, um wirklich einen echten Verkaufserfolg auf's Parkett zu legen.
2. Google greift die Hardware-Hersteller an - zumindest in den Augen der Hardware-Hersteller
Überhaupt tut sich Google durchaus schwer Partner für ihr Prestige-Objekt zu finden. Man könnte vielleicht meinen, dass die Hersteller eventuell von der nicht so hohen Nachfrage der ersten beiden Nexus-Geräte abgeschreckt sein könnten. Immerhin baumeln damit immer einige Fragezeichen über der Wirtschaftlichkeit. Zumindest liegt dieser Schluss auf den ersten Blick nahe.
Beim zweiten Hinschauen muss man diese Theorie aber gleich wieder verwerfen. Vielleicht erinnern sich hier noch einige daran, als es um den Hersteller des Nexus One ging. Es war zwar HTC, die das Gerät letztendlich gebaut haben. Zuvor hatte man aber angeblich bei Sony Ericsson angeklopft, um die Schweden für dieses Vorhaben zu gewinnen. Dort allerdings winkte man ab. Als Grund gab man an, dass man nicht als Zulieferer für andere Unternehmen agieren wolle. Man möchte ausschließlich eigene Telefone unter eigenen Marken herstellen und produzieren.
Ob das nun so klug und weitsichtig war, sei mal dahingestellt. Es zeigt aber dennoch, dass man Google eigentlich schon immer als potentiellen Konkurrenten gesehen hat. Hardware-Hersteller dürften sich immer gefragt haben, ob man dem mächtigen Internetkonzern dabei helfen will eine eigene Hardware-Marke aufzubauen, die einem später dann vielleicht wieder auf die eigenen Füße fallen kann. Die Motorola-Übernahme zeigt, dass die Befürchtungen nicht ganz unbegründet waren. Denn selbst auch Samsung, mit denen man sich bei der Galaxy Nexus Präsentation bewusst eng verbunden gezeigt hatte, ist im Hintergrund durchaus beunruhigt, wenn es um Motorola geht. Es dürfte zukünftig immer schwieriger für Google werden unabhängige Nexus-Hersteller zu finden, wenn es ihnen nicht gelingt, die Googlerola-Sorgen zu zerstreuen.
3. Google greift die Mobilfunk-Provider an
Den wichtigsten Punkt habe ich mir für den Schluss aufgehoben. Er ist mir deshalb so wichtig, weil dies keine Spekulation ist, sondern diese Information von einem echten Insider bzw. Entscheider bei einem Mobilfunk-Unternehmen stammt.
So wie bei den Hardware-Herstellern auch, fühlen sich die Mobilfunk-Provider von Google bedroht. Die Kalifornier greifen nämlich mit ihren Produkten, wie Google Wallet, die großen Cash-Cows der Unternehmen an. Hinzu kommt auch noch die Tatsache, dass durch technische Möglichkeiten, wie Tethering, sowie Apps, wie Whatsapp immer mehr wichtige Umsatzsäulen in sich zusammenbrechen.
Das finden die Mobilfunkriesen nicht besonders witzig. Immerhin muss man an deren Stelle befürchten alle lukrativen Zusatzgeschäfte nach und nach zu verlieren, und am Ende nur die Aufgabe übrig bleibt die Infrastruktur zu warten und zu betreuen. Dies ist, wie einleitend geschrieben, keine Spekualtion. Der hochrangige Mitarbeiter des oben angesprochenen Unternehmens sagte in einem Vieraugen-Gespräch zu mir wörtlich, dass man über Google ziemlich "pissed" sei. Das sei für sie auch der Grund, warum man die Nexus-Reihe nur sehr schwach bewerbe. Oder wenn möglich erst gar nicht ins Programm aufnehme.
Das bedeutet also, dass der wichtigste Vertriebskanal für Mobiltelefone - der Verkauf über die Provider - kaum möglich ist. Zumindest derzeit. Google wird hier sicherlich auch versuchen die Beziehungen zu den Carriern deutlich zu verbessern. Sicher ist aber, dass man sich dort nicht die Butter vom Brot nehmen lassen will.
Auch wenn es aktuell nicht so gut für die Nexus-Reihe aussieht, spannend ist es allemal was alles hinter den Kulissen abläuft.

Simon V
Ui, provokanter Titel.
Aber gerade Punkt 1 wird alleine durch die Verkaufszahlen bestätigt. Es reicht doch schon ein Vergleich des SGS 1 oder dem SGS 2 - das sind wirklich Massentelefone, zum Nexus greift (vielleicht auch wegen Hardware-Einschränkungen wie der fehlenden microSD) nicht so leicht jemand.