
Erst kürzlich haben wir hier auf AndroidPIT über die Fragmentierung von Android gesprochen. Die These: es wird eine starke Fragmentierung des Android App Marktes geben. Dies ist eine Notwendigkeit für Hardwarehersteller, aber auch Telekom-Providern um ihr Überleben zu sichern. Diese These ist aus Sicht der Endkunden natürlich erstmal weniger erbaulich. Man will natürlich nicht an verschiedenen Orten seine Apps beziehen, da man im Falle eines Telefon-Neukaufs an allen Orten seine erworbenen Titel zusammensammeln muss.
Diesen Standpunkt vertritt auch Steve Jobs, CEO von Apple. Er ist der Meinung, dass dies Android sogar irgendwann an einer solchen Fragmentierung scheitern wird. Ganz so ist es aus meiner Sicht nicht. Ich glaube sogar, dass eine Fragmentierung insgesamt gesehen langfristig für uns Verbraucher wichtig ist, selbst wenn sie zunächst Nachteile bringt.
Was ist eigentlich Fragmentierung?
Fragmentierung ist eine Splittung von etwas in kleine Teile. Bei Android gibt es mehrere Fragementierungen:
- Hardware-Fragmentierung
- Software-Fragementierung
- Android Market Fragmentierung
Was ist an einer Fragmentierung eigentlich so problematisch?
Jede dieser Fragmentierungen bringt eine neue Herausforderung mit sich. Vor allem für die Entwickler von Apps! Nehmen wir nur mal die Software-Fragmentierungen des Android Betriebssystems. Mehr als 1/3 aller aktiven Android Geräte haben noch die Versionsnummern 1.5 oder 1.6. Will ein Entwickler, dass er mit seiner App auch diese Leute erreicht, muss er überlegen wie seine Software mit diesen Versionen zurecht kommt.
Das selbe Problem ereilt den App-Entwickler natürlich auch bei einer Hardware-Fragmentierung. Immerhin muss er sich mit jeder Menge Fragen herumschlagen:
- Welche Auflösung wird ein Endgerät haben?
- Welche Größe hat das Display? 5 Zoll, 7 Zoll oder 10 Zoll?
- Wie sieht die Tastatur aus? Gibt es ein Keyboard oder verdeckt On-Board Keyboard vielleicht mein User Interface?
- Gibt es alle Android-Tasten (Home, Zurück, Menü) oder verzichtet der Hardware-Hersteller darauf?
- Usw.
Diese Fragen muss sich ein iPhone-Entwickler natürlich nicht stellen. Apple sorgt dafür, dass die Hardware einheitlich ist und immer alle Apps auf allen Geräten funktionieren. Das ist natürlich eine feine Sache. Android ist von daher deutlich aufwendiger und erfordert wesentlich mehr Planung und Testing. Oder aber sie gehen einen anderen Ansatz: sie entwicklen für ihre Zielgruppe! Das soll bedeuten, dass ein Entwickler sich (sowieso ganz grundsätzlich) Gedanken machen sollte wer am Ende seine App verwendet. Ist es ein Student? Oder ein Schüler? Frauen oder Männer? Sind es Geschäftsleute? Usw. Jede Zielgruppe hat auch einen präferierten Android-Handytypus. Zum Beispiel wird ein HTC Wildfire eher von einer jüngeren Zielgruppe verwendet. Will ich also ein Spiel entwickeln, sollte ich mich auch mit dem Wildfire auseinandersetzen. Will ich dagegen eine Business-Anwendung schreiben, wird das Wildfire wohl eher eine untergeordnete Rolle spielen und kann von daher vernachlässtigt werden.
Die Android Market Fragmentierung ist für die Endkunden sicherlich problematischer. Immerhin gibt es immer mehr Märkte bei denen Android Apps gekauft werden können - und auch werden. Das ist für Endkunden sicherlich nicht immer erbaulich. Auf der anderen Seite bin ich mir sicher, dass genau diese Android Market Fragmentierung für Android mittelfristig nicht nur notwendig ist, sondern eben genau DAS Argument für den weiteren Erfolg werden könnte.
Den Teufel mit dem Belzebub austreiben...
Zugegeben - diese Überschrift klingt nicht sehr optimistisch. Aber dennoch trifft sie genau das worum es geht. In meinem letzten Blogbeitrag zur Android Fragmentierung sprach ich noch über die Auswirkungen, die die Teilnehmer des Ecosystems "Mobiler Telekommunikationsmarkt" spüren können, wenn sie sich nicht um eigenen Content bemühen. Kurz zusammengefasst: ich befürchte, dass sowohl Hardware-Hersteller, als auch Telekommunikationsunternehmen ohne eigenen Content bei der Kundenbindung unter Druck geraten könnten. Dabei spielen für mich vor allem die "Switching Costs" für Kunden eine Rolle. Was das genau ist, möchte ich später noch erklären.
Ich möchte mit den nächsten fünf Thesen herleiten warum ich glaube, dass Android mittelfristig eine Content-Fragmentierung braucht, um das gesamte Ecosystem am Laufen zu halten und um uns Endkunden weiterhin Innovationen zu garantieren.
- Das Ecosystem "Apps" ist bei Apple sehr professionell
Eines kann Apple niemand absprechen: es waren die Jungs aus Cupertino, die den durchschlagenden Erfolg von Smartphones überhaupt erst möglich gemacht haben. Sie haben die fehlenden Innovationszyklen bei den Hardware- und Betriebssystemherstellern ausgenutzt und etwas wirklich absolut Innovatives auf den Markt gebracht. Als Steve Jobs dann Apps vorgestellt hat, hat sich eine weitere, drastische Veränderung eingestellt. Apps haben Smartphones überhaupt erst smart gemacht. Denn es stimmt: es gibt wirklich für alles eine App. Mit Apps kann man ein Smartphone so einrichten, dass man für jedes Problem eine passende Software hat. Zumindest für fast jedes... :)
Apple hat dabei vor allem eine Sache geschafft: dass für digitale Inhalte (endlich) Geld bezahlt wird! Und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass dieses Ecosystem sehr professionell ist. Immerhin leben sehr viele Menschen nur vom Erstellen und Programmieren der Apps. Das kann man bei Android noch nicht behaupten. Hier wird sehr viel "hobbymäßig" betrieben. Entwickler von Android-Apps können noch nicht davon leben. Das liegt zum Einen daran, dass Apple von Anfang an auf ein eigenes User Interface gesetzt und gebaut hat. Zum Anderen hat Google beim Android Market nicht das Augenmerk auf kostenpflichtige Apps. Und das führt uns auch zu Punkt 2...
- In einem Ecosystem müssen alle verdienen, sonst stirbt es
Genau das sagt auch Eric Schmidt immer: in einem Ecosystem müssen alle verdienen können. Einen wichtigen Part in diesem Ecosystem nehmen die Entwickler ein. Aber gerade die verdienen derzeit nicht viel! Es verblüftt also von daher nicht, dass Eric Schmidt erst kürzlich http://techcrunch.com/2010/10/14/eric-schmidt-multiple-android-app-stores-a-net-win-for-everybody/ sagte, Secondary Markets seien "unter'm Strich ein Gewinn für alle".
Der Store von amazon könnte tatsächlich dafür sorgen, dass viele Android Entwickler nun endlich sehr viel mehr Geld verdienen als bisher. Es wäre sehr wünschenswert wenn endlich auch Android Apps endlich besser monetarisiert werden könnten. Dies ist zwar sicherlich ein Wunsch, den viele nicht nachvollziehen können. Immerhin muss dann Geld für Software bezahlt werden, die heute noch kostenlos ist. Damit aber (gute) Entwickler Android weiterhin die Stellung halten, muss es die Möglichkeit geben dass all die Android-Entwickler auch davon leben können. Theoretisch zumindest.
Wie aber weiter oben schon erwähnt, ist es nicht unbedingt im Interesse von Google für genau diese Umgebung zu sorgen.
- Google's Interessen liegen nicht in einem professionellen App-Markt
Google lebt von der Werbung, die in bestehende Produkte und Apps eingebettet ist. Und genau das kann Google auch richtig gut. Immerhin gelang es dem kalifornischen Konzern bereits über 1 Milliarde Dollar mit In-App-Werbung umzusetzen. In einigen Blogs war davon die Rede, dass das viel mehr sei als bei Apple.
Das ist aber auch klar! Denn bei Apple sind die meisten Apps kostenpflichtig. Als Kunde erwartet man dann auch eine werbefreie App. Umgekehrt haben dann kostenlose Apps sehr oft Werbung an Bord, um wenigstens einen Teil der Kosten refinanzieren zu können. Für Google ist es also relativ egal ob Apps etwas kosten, oder eben nicht. Gut verdienen wird der Internetkonzern immer. Es ist sogar eher so, dass sehr viel kosten würde große Strukturen für den Endkundenvertrieb aufzubauen. Dinge, wie Customer Support, große buchhalterische Maßnahmen (das ist ein sehr komplexes Thema), Fraud, etc. würden den Konzern richtig viel Zeit und Geld kosten. Es macht wohl einfach mehr Sinn sich um die weitere Verbreitung von Android und die Verbesserung des eigentlichen Betriebssystems zu kümmern.
Secondary Markets übernehmen von daher eine sehr wichtige Rolle für das Ecosystem "Android": die Entwickler werden mit Umsätzen versorgt, die sie heute einfach noch nicht erhalten können. Das bedeutet natürlich eben eine Fragmentierung des Android App Markets.
Mir ist klar: im Sinne der Kunden ist das auf den ersten Blick erstmal nicht. Dennoch dürfte es mittelfristig sehr wichtig für Android, und damit auch für uns Kunden werden. Denn aus meiner Sicht entstehen schon jetzt in den Ecosystemen immer höhere "Switching Costs".
- Switching Costs halten Kunden in Ecosystemen
Switching Costs dürfte in Zukunft wohl eine große Rolle spielen. Was aber sind "Switching Costs"? Dies sind die direkten oder indirekten Kosten bei einem Wechsel von einem Anbieter/System zum Nächsten. Beispiel: gekaufte Apps beim iPhone können nur auf iPads, iPhones oder iPod Touch verwendet werden. Ein iPhone-User, der also Apps bei Apple gekauft hat, verliert all sein eingesetztes Geld sobald er auf ein neues Betriebssystem setzt. Wenn man sich überlegt, dass 2010 in Deutschland für ca. 350 Millionen Euro Apps gekauft werden und weit mehr als 90% beim iOS gekauft wurden, kann man sich in etwa vorstellen was das bedeutet: einmal bei Apple und Geld für Content ausgegeben, wird es sehr sehr sehr schwer wieder von dort loszukommen. Wenn man dann noch überlegt, dass das "Umziehen" von gekaufter Musik ebenfalls nicht mal einfach so geht, und investierte Zeit ebenfalls in die Switching Costs einfließt, dürften Wechsel für iPhone-User noch schwieriger werden.
Wer will schon alle Apps, die man sich irgendwann mal gekauft hat, nochmal erwerben?
- Wenige Content-Ecosysteme könnten große Auswirkungen haben
Das bringt mich zu meinem letzten Punkt, und damit auch dazu, warum ich denke weshalb Android auch eine Content Fragmentierung braucht. Wäre es so, dass man in Zukunft nur zwei große Content Ecosysteme hätte (Android über Google und iOS), könnte sich das als echter Innovationsstopper für das ganze Ecosystem "Mobilfunk" haben. Denn wer den Content hat, hat die Macht! Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass man es sehr schwer haben dürfte, wenn man eben keinen Content zur Verfügung hat.
Das hat Auswirkungen für alle Beteiligten. Man kann das heute schon sehr gut bei Apple beobachten. Apple bestimmt wer und was in seinem Store Apps verkaufen kann. Für App Entwickler ist das fatal: man hat nicht immer eine Planungssicherheit. Es ist also möglich, dass man viele Entwicklungsressourcen aufbringt, am Schluss aber abgelehnt wird.
Telekommunikationsunternehmen sind ebenfalls unter Druck. Apple hat es auch hier gezeigt: die Telcos, die kein iPhone verkaufen konnten, hatten ein böses Nachsehen. Das wäre zukünftig ebenfalls denkbar. Außerdem brechen Telkos so große Umsatzpotentiale weg, die sie aber dringend brauchen. Immerhin gibt es einen unbarmherzigen Preiskampf auf dem Markt.
Für uns Kunden ist es ebenfalls nicht wünschenswert, wenn der Markt nur von zwei dominanten Partnern regiert wird. Schaut Euch bitte den PC-Markt an, der ja sehr gerne beim Vergleich mit Android herangezogen wird: bei Microsoft gab es jahrelang kaum Innovationen. Quasi-Monopole sind echte Innovationsbremsen.
Alles in allem werden es spannende Zeiten, die vor uns liegen. Es gibt sehr viele Chancen. Aber eben auch Gefahren. Ich persönlich glaube, dass Android das Rennen machen wird - selbst wenn es natürlich einfacher ist für ein proprietäres System zu entwickeln. Denn wir wissen ja alle:
Die Mischung macht's...

Tori Roth
Dachte erst Punkt 1 und 3 beissen sich, aber beim 2ten lesen ergibt das Sinn. Toller Artikel. Ich werd den Link weiterleiten !